Staatsrätin Franziska Biner: «Vielleicht sehe ich ja aus wie 25!»


Ab Donnerstag ist Franziska Biner Staatsrätin. Wie sie die Wochen seit der Wahl und ihre turbulente Nominierung erlebt hat. Und über den Vorwurf reagiert, sie sei zu jung für den Staatsrat.

Franziska Biner, die zweite Frau im Walliser Staatsrat. Bilder: pomona.media/Alain Amherd.

Es war ein historischer Moment für die Frauen im Wallis, als Esther Waeber-Kalbermatten 2009 in den Staatsrat des Kantons Wallis gewählt wurde. Das war 26 Jahre nachdem die erste Frau überhaupt in die Regierung eines Kantons einzog: Hedi Lang im Kanton Zürich. Auch Waeber-Kalbermattens Wahl war ein Meilenstein – als letzte Männerbastion fiel 2009 der Walliser Staatsrat.

Zwölf Jahre lang blieb sie die einzige Frau in der Kantonsregierung. Dann blieb die Regierung während vier Jahren nach ihrem Rückzug ohne Frau. Fast auf den Tag genau 16 Jahre nach der Wahl von Esther Waeber-Kalbermatten änderte sich das am 2. März 2025.

«Es ist verrückt, dass ich erst die zweite Frau im Walliser Staatsrat bin», sagt Franziska Biner, 38-jährig, Architektin. Und ab dem 1. Mai offiziell im Amt als Walliser Staatsrätin.

Esther Waeber-Kalbermatten – die erste Walliserin, die als Staatsrätin vereidigt wurde. Bild: Keystone
16 Jahre später legt Franziska Biner als zweite den Schwur ab. Bild: Keystone

Die erste Frau in der Walliser Regierung ist sie nicht. Historisches schaffte sie aber trotzdem.

Zum ersten Mal seit dem Jahr 1993 erreicht Biner bei ihrer ersten Kandidatur für den Walliser Staatsrat im ersten Wahlgang das absolute Mehr. Der letzte «Neuling», der dies geschafft hatte, war Wilhelm Schnyder von der damaligen CSPO, heute neo – Die sozialliberale Mitte. Eine beinahe zynische Ironie des Schicksals – ging der Nominierung von Franziska Biner eine Krise zwischen der Mitte und neo – Die sozialliberale Mitte voraus.

Bis zum Schluss hat sich die Schwesterpartei nicht für eine Unterstützung Biners entschieden, beharrte auf einer Kandidatur von Thomas Egger. Ob sie das persönlich berührt? Biner weicht aus. Immer wieder.

Dann ringt sie sich doch zu einer Antwort durch. Es sei Teil unseres politischen Systems und der Demokratie, dass die neo auf einer eigenen Kandidatur beharrt habe. Biner ist bewusst, dass die Gelben jemanden ins Spiel bringen mussten. «Aber ich habe gehofft, dass sie irgendwann die Grösse haben zu sagen: Die Mitte-Kandidatin hat das Format, das wir unterstützen können.» Auch wenn die neo letztlich auf eine eigene Kandidatur verzichtet hat: Bis zum Schluss sprach sie sich nicht offiziell für Biner aus.

Franziska Biner war zum Zeitpunkt von Roberto Schmidts Rücktritt noch mitten im Wahlkampf um das Zermatter Vizepräsidium – in das sie wenig überraschend gewählt wurde.

In den Gemeinderatswahlen fuhr die Zermatterin das beste Resultat ein. «Ein grosser Vertrauensbeweis», wie Franziska Biner sagt, «denn die Leute in deiner Heimatgemeinde, sie kennen dich – nicht nur aus den Medien.» Doch umso grösser der Rückhalt in Zermatt, desto grösser der Druck auf Biner. Sie erinnert sich an Begegnungen im Dorf – «Sätze wie ‹Dein Heimatdorf ist dir aber schon näher als Sitten› hörte ich oft». Jemand, so erzählt es Biner, sei sogar so weit gegangen, dass er sie in den Staatsratswahlen nicht unterstützen werde – «damit ich in Zermatt bleibe». Sie schmunzelt, scheint sich trotz der verwehrten Unterstützung geehrt zu fühlen.

In Zermatt ist Franziska Biner als zweitältestes Kind gemeinsam mit drei Brüdern aufgewachsen. Behaupten habe sie sich als einzige Tochter nie müssen. «Wir hatten eine unkomplizierte Kindheit und lebten unsere Freiheit aus, spielten auf der Strasse – aber das ist wohl typisch für Walliser Dörfer.» Die Diskussionen in ihrer Familie beschreibt sie als differenziert, analytisch – «das hat mich sehr geprägt».

Nach der obligatorischen Schulzeit und dem Kollegium in Brig zog es Franziska Biner nach Zürich. Dort studierte sie an der ETH Architektur. Nach dem Studium kehrte sie zurück nach Zermatt, wegzubleiben war keine Option. Zu gross war Biners Heimatverbundenheit. Auch nach den Staatsratswahlen sagte Biner auffallend oft: «Das Wallis liegt mir am Herzen.»

Kurz nach ihrer Rückkehr fragte die CVP Zermatt sie an, für den Gemeinderat zu kandidieren. Sie winkte ab. «Ich wollte mich zuerst in meinen Beruf einarbeiten – drei Monate später hat mich die Partei angefragt, als Suppleantin zu kandidieren.» Und man habe ihr dann auch gleich klargemacht: Das Argument, zu wenig Zeit zu haben, gelte bei diesem Amt nicht. 2017 wurde sie als Suppleantin in den Grossen Rat gewählt, ein Jahr später zur Parteipräsidentin der damaligen CVP Oberwallis. Und als solche wartete eine Herausforderung auf Biner, wie sie die meisten Kantonalpräsidenten nie erleben.

Am 5. Dezember 2018 stand die Ersatzwahl für Mitte-Bundesrätin Doris Leuthard an. Auch Viola Amherd stellte sich zur Wahl. Mittendrin: die frisch gewählte Parteipräsidentin Franziska Biner. Eine verrückte Erfahrung, sagt sie rückblickend. Sie erinnert sich zurück an den medialen Gegenwind, der sich plötzlich gegen Viola Amherd wandte.

Franziska Biner (links) und Viola Amherd im Jahr 2018, bevor Amherd Bundesrätin wurde. Bild: pomona.media (Archivbild)
Als Kantonalpräsidentin der damaligen CVPO spielte Biner eine wichtige Rolle in der Wahl von Viola Amherd. Bild: Keystone
Entsprechend zufrieden wurde sie am Tag von Amherd Wahl abgelichtet. Bild: pomona.media (Archivbild)

Franziska Biner ist leidenschaftliche Bergsteigerin, sie ist naturverbunden. Absolviert gemeinsam mit ihren Brüdern Skitourenrennen. Mit Blick auf die Bundesratswahl 2018 sagt sie: «Wenns knallt und kracht, bin ich voll dabei – in Krisensituationen wie jenen vor der Wahl von Viola Amherd funktioniere ich gut.» Ein Adrenalinjunkie sei sie keiner – aber sie habe sicherlich bereits gefährlichere Sachen erlebt als einen Wahlkampf. «Mehrere Male habe ich bereits zu mir gesagt: Scheisse, das ist gefährlich!» Ihre Brüder holten sie dann zurück auf den Boden der Realität. Und sagten zu ihr, dass sie nicht so übertreiben solle. Von solchen Erfahrungen spricht Franziska Biner unbekümmert. Immer wieder lacht sie und winkt ab.

Ausgerechnet die Berichterstattung in dieser Zeitung brachte Amherd in eine unangenehme Position.

David Biner war damals Redaktor beim «Walliser Boten». Vor Amherds Wahl hatte er aufgedeckt, dass sie in einen Mietzinsstreit verwickelt ist. Während David Biner stets als scharfer Kritiker und kritischer Beobachter von Viola Amherd galt, findet er für Franziska Biner – laut Zermatter Burgerbuch eine Cousine achten Grades – viel Lob.

Bereits am Tag von Biners Wahl in den Staatsrat schrieb er in den sozialen Medien, sie sei alles, was die tonangebenden Mitte-Frauen in Bundesbern nicht seien: «unprätentiös, berechenbar, belastbar – beste Voraussetzungen, um eine gute Staatsrätin zu werden». Angesprochen auf sein Lob, sagt der heutige Bundeshausredaktor der «Weltwoche», Franziska Biner sei eine erfrischende Erscheinung. «Sie wirkt durch und durch authentisch», so David Biner. Politisch sei Franziska Biner aber schwierig einzuschätzen – jedoch sei sie weniger ideologisch getrieben als Viola Amherd. Und während im Vorfeld der Wahlen immer wieder Kritik laut wurde, Biner habe zu wenig Erfahrung, sagt David Biner ohne zu zögern: «Das politische ABC hat sie verstanden, an Erfahrung fehlt es ihr keineswegs.» Er verweist auf die eidgenössischen und kantonalen Wahlen und nicht zuletzt auf Amherds Wahl in den Bundesrat. «Sie war vielleicht nicht Kandidatin – aber als Parteipräsidentin sass sie stets im Seitenwagen.»

Bei Viola Amherds Wahl war Franziska Biner 32-jährig, verhalf der CVP Oberwallis zu ihrem zweiten Bundesrat. Hinter vorgehaltener Hand hiess es stets, Franziska Biner sei die Marionette von Ständerat Beat Rieder und Nationalrat Philipp Matthias Bregy. Sie selbst habe stets gewusst, dass dem nicht so sei – «deshalb hat mich das auch nie gestört. Und als ob sie jeden Morgen Zeit hätten, sich zu überlegen, in welche Richtung sie mich nun stossen möchten». Sie reagiert, wie sie nach eigenen Angaben stets darauf reagiert habe: Sie lacht.

In Franziska Biners Augen ist es klar, dass sie noch etwas vom politischen Handwerk lernen musste, bevor sie die wählerstärkste Partei im Oberwallis führen konnte. «Und wo kann man das besser tun als von einem Ständerat, einem Nationalrat, einem Fraktionschef und später einer Bundesrätin?» Irgendwann kam aber der Punkt, an dem Franziska Biner das Zepter übernahm. Beispielsweise, als sie den Namenswechsel der CVP Oberwallis hin zur Mitte Oberwallis durch die Basis brachte. Gegen den Willen von Beat Rieder, der sich national klar gegen die Namensänderung geäussert hat.

Franziska Biner mit ihrem Vorgänger Anton Andenmatten als Parteipräsidentin. Bild: pomona.media (Archivbild)

Während sie die Vorwürfe als Parteipräsidentin an sich abprallen liess, habe ihr der Staatsratswahlkampf ganz andere Realitäten aufgezeigt. Nämlich, was es bedeuten könne, Frau in der Politik zu sein.

Sie sei mit ihren 38 Jahren zu jung für das Amt. Ihr fehle es an politischer Erfahrung, allem voran in der Exekutive. Solche Äusserungen waren immer wieder zu vernehmen, auch in den Medien – auch von Frauen. «Man muss sich vorstellen, ich habe während zwölf Jahren in einer echten Männerdomäne gearbeitet. Aber es war niemals so ein Thema wie in der Politik, dass ich eine Frau bin.» Vor allem, dass sie zu jung sei, führt sie auf ihr Geschlecht zurück. FDP-Mann Frédéric Favre und auch SP-Staatsrat Mathias Reynard – sie beide waren bei Amtsantritt im Staatsrat jünger als Biner es ist. Reynard ist es auch bei seiner anlaufenden zweiten Amtszeit. «Darüber gab es nie Diskussionen. Oder ich erinnere mich nicht daran», sagt Biner.

Bei ihr aber, sagt sie weiter, sei das Alter ein Thema. «Da denke ich mir…» Biner unterbricht. Überlegt lange. Und sagt: «Vielleicht sehe ich ja aus wie 25!» Franziska Biner – sie scheint auch diese Kritik mit Humor zu nehmen. Doch sie überlegt länger als gewöhnlich. Es beschäftigt sie.

Nach ihrer Wahl war das mediale Interesse an Franziska Biner gross. Für die «Schweizer Illustrierte» posierte sie sie mit einem Schwarzhalskitz ihres Vaters, strahlte auf den Fotos um die Wette. Biner verkörpert ein Stück heile Welt. Und nicht zuletzt auch ein Stück Walliser Idylle. Das grosse Interesse der Medien, die Vorbereitung auf ihr neues Amt – Franziska Biners Planung der Übergangszeit hat das alles auf den Kopf gestellt.

Bereits am Tag ihrer Wahl… Bild: pomona.media/Alain Amherd
war das mediale Interesse an Franziska Biner gross. Bild:pomona.media/Alain Amherd
Bild: pomona.media/Alain Amherd

Sie wollte während eines Monats verreisen, Übersee. Eigentlich. «Alle sagten zu mir, ich müsse die Zeit zwischen den Wahlen und dem Amtsantritt geniessen – also stellte ich mir vor, dass ich während des Monats Ferien meinen Kopf lüfte und mich auf das Amt vorbereite.» Zwei Wochen Zeit blieben ihr letztlich für den Urlaub.

Esther Waeber-Kalbermatten – nur wenige kennen die Zeit zwischen der Wahl in den Staatsrat und dem Amtsantritt so gut wie sie. Wie Franziska Biner stand sie vor ihrer Wahl 2009 mitten im Berufsleben, musste ihr Geschäft in der kurzen Zeit abgeben. Noch heute sagt sie: «Es ist wichtig, sauber abzuschliessen und abzugeben – so kann man sich dann auch voll und ganz auf die Politik konzentrieren.» Ruhiger, so sagt es Waeber-Kalbermatten, dürfte es auch in den kommenden Monaten für Franziska Biner nicht werden.

Im Mai und Juni finden bereits die ersten Sessionen der neuen Legislatur statt. Biner, die während ihrer Zeit als Grossrätin selten zu vernehmen war, wird dann zum ersten Mal zuvorderst im Parlamentssaal Platz nehmen. Und als Finanzministerin Geschäfte vertreten müssen. Angesprochen auf Welpenschutz für die neue Staatsrätin lacht Esther Waeber-Kalbermatten. «Die Zeiten sind mittlerweile so schnelllebig – für Welpenschutz ist da kaum noch Platz.» An Franziska Biner zweifelt sie aber nicht.

Esther Waeber-Kalbermatten ist überzeugt, dass es in der Regierung verschiedene Lebensmuster braucht. Darunter auch junge Menschen. Und Frauen – «dass man Franziska Biner zu wenig Erfahrung oder zu junges Alter für den Staatsrat vorgeworfen hat, war absolut nicht gerechtfertigt». Aber auch von der Forderung, Franziska Biner müsse sich stärker zu feministischen Themen bekennen, hält SP-Politkerin Esther Waeber-Kalbermatten wenig. Biner müsse sich selbst bleiben, ihre eigenen Erfahrungen mitbringen. «Niemand – weder andere noch die eigene Partei – sollte ihr ein politisches Programm vorschreiben», so die Altstaatsrätin. Mit Blick auf das Resultat bei den Wahlen im März sagt Esther Waeber-Kalbermatten: «Es war ganz klar der Wunsch, dass wiederum mindestens eine Frau im Walliser Staatsrat ist Weitere werden folgen.»

Am 1. Mai betritt sie zum ersten Mal in ihrem neuen Amt das Regierungsgebäude in Sitten. Bei der Stabsübergabe eine Woche zuvor war das Westschweizer Fernsehen RTS mit ihr dabei, stets an ihrer Seite. «Ich finde es schön, dass auch eine positive Überraschung wie mein Resultat Platz in den Medien hat.» Woran das grosse Interesse liegt, kann sie nicht beantworten. Aber sie interpretiert es als schönes Zeichen für die Schweiz und: «Auf jeden Fall für die Frauen».

Dass ihr Amtsantritt mit dem Tag der Arbeit zusammenfällt, sei ihr nur nebenbei aufgefallen. «Aber Tag der Arbeit? Der ist zum Arbeiten da, das sagt ja bereits der Name», sagt Biner. Und lacht dabei.

Bild: pomona.media/Alain Amherd

Dieser Text ist zum ersten Mal im Walliser Boten vom 1. Mai 2025 erschienen.