Singende Vögel, Feuerwehrsirenen, laufende Menschen – Hans-Peter Pfammatter: «All das ist Musik»


Der Leuker Jazz-Pianist über seine Inspiration. Und wie er damit umgeht, eines Tages krankheitsbedingt möglicherweise nicht mehr spielen zu können.

Der Leuker Jazz-Pianist Hans-Peter Pfammatter. Bild: pomona.media/ Alain Amherd

«Mein Körper ist viel älter als ich. Ich weiss nicht, wie lange ich noch Musik machen kann.

Deswegen mache ich es auch so intensiv, um möglichst viel einzufangen.

Es hat mit 23 angefangen. Zuerst hatte ich einen entzündeten Sehnerv und konnte nichts sehen. Dann Sensibilitätsstörungen in verschiedenen Körperteilen, dann symptomfreie Phasen und wieder leichte Schübe.»

Es ist ein Ausschnitt aus dem Musiktheater-Stück «Geschwister am Limit». Die Worte stammen von dem Leuker Jazzpianisten Hans-Peter Pfammatter. So beschreibt er, wie er die Zeit vor seiner Diagnose erlebt hat.

«Mit 30 habe ich die Diagnose bekommen.»

Multiple Sklerose, MS.

Hans-Peter Pfammatter fährt mit seinem Fahrrad durch die Altstadt Luzern. Beim Laufen hinkt er, benötigt einen Gehstock zur Unterstützung. Bis heute kämpft er mit den Folgen eines MS-Schubs, den er in seinen Zwanzigern hatte. Sein rechter Fuss hatte plötzlich weniger Kraft. Weshalb, wusste er damals noch nicht. Von den ersten Symptomen im Alter von 23 Jahren bis zur Diagnose seien die schlimmsten Jahre gewesen. «Sieben Jahre lang zeigten sich immer wieder Symptome und ich wusste nicht, woran das liegt», sagt Pfammatter heute.

Seinen Traum lebt er seiner Diagnose zum Trotz bis heute – Musiker sein. Wobei Klangkünstler ihn wohl besser beschreiben würde. Denn das Wort Klang benutzt er deutlich mehr als Musik. Dieser sei sein Antrieb. «Klang interessiert mich mehr als Musik im traditionellen Sinn. Denn sie geht weit über schöne Linien und Melodien hinaus.»

«Mit der Diagnose habe ich einen Körper bekommen, mit dem ich arbeiten kann. Über den ich lesen, den ich pflegen und mit dem ich kämpfen kann.

In der Zeit hatte ich auch den bisher heftigsten Schub.

Mein Körper war überzogen mit tauben Nerven.

Ich war wie verpackt in meine Haut.

Du greifst nach einem Glas Wasser und spürst keine Oberfläche.

Das Glas rutscht dir aus der Hand.

Das war sehr schmerzhaft, aber nicht in einem physischen Sinne, weil du spürst ja nichts.»

Geboren wurde Hans-Peter Pfammatter im August 1974. Er wuchs in Leuk auf. Im Alter von 21 Jahren zog es ihn nach Luzern, an die Jazzschule. Seit dem Jahr 2000 unterrichtet er neben seiner Konzerttätigkeit an ebendieser Schule. Als Musiker spielte er in zahlreichen Formationen. Seine Tourneen führten ihn in die ganze Welt – von den USA und Kanada über die Schweiz und Spanien bis hin nach Vietnam. Heute gilt er als einer der bedeutendsten Jazzmusiker seiner Generation. Im Jahr 2006 verlieh ihm der Kanton Wallis den Förderpreis.

 

Klavier spielt Pfammatter seit seinem 13. Lebensjahr, davor spielte er Trompete. Bereits als Kind habe er gern auf dem Klavier herumgedrückt. Allem voran die rhythmische Komponente des Tasteninstruments interessierte ihn damals. Später, sagt Pfammatter, sei er sich des enormen Registers des Klaviers bewusst geworden, man könne es wie ein Orchester einsetzen. Und dann kam die Faszination für die harmonische Komponente hinzu – «mit den rhythmischen, harmonischen und melodischen Aspekten des Klaviers kann man eigentlich alles machen. Oder zumindest alles, was man sich vorstellen kann.»

Hans-Peter Pfammatter liebt und lebt Musik, oder eben Klang. Immer wieder «spielt» er mit seinen Fingern auf dem Tisch. Einen Lauf hier, einen Lauf da. Technische Virtuosität hat ihn aber nie interessiert. «Show off» – protzen –, das habe ihn nie gekümmert. Und auch Klassik spiele er wenig. Ab und an Bach. Er sei am nächsten am Jazz. «Harmonisch wie auch die kontrapunktische Linienführung» – Elemente, die im Jazz eine immense Bedeutung hätten. «Alles dreht sich im Jazz darum, wie man die Lines und Phrasen führt», sagt Hans-Peter Pfammatter. Er singt eine Jazzphrase.

Vor einiger Zeit spielte Hans-Peter Pfammatter im Château Mercier in Siders. Im gleichen Konzert spielte ein weiterer Pianist Werke von Franz Liszt, dem Virtuosen-Komponisten schlechthin. Pfammatter erinnert sich: «Sehr eindrückliche Musik, grandios komponiert.» Doch es folgt das Aber.

Liszts Musik habe wenig damit zu tun, was er in der Musik suche. Pompös und monumental – zwei Adjektive, von denen Pfammatter nicht viel hält. Denn er suche diesen Effekt nicht, könne sich mit einem kleinen, einfachen Motiv zufriedengeben. In der Luft scheint er mit seinen Fingern ein ebensolches Motiv zu spielen. Er könne sich gut mit der Rolle eines Mönchs identifizieren – «auch wenn mich die Vorstellung beängstigt». Wohl pure Ironie des Schicksals. Endete Franz Liszt sein Leben doch als Abbé und lebte als Mönch.

«Du sitzt am Klavier und spielst und es ist so, als hättest du dicke Silikonhandschuhe an.

Erstaunlicherweise funktionierte es trotzdem. Ich konnte es trotzdem kontrollieren.

Vielleicht mit einer Art Muskelgedächtnis oder Intuition. Finger bewegen sich, die Tasten werden ausgelöst und es entsteht Klang im Raum.

Ich konnte hören und überprüfen, ob es das ist, was ich haben wollte.

Die Bewegung war mechanisch, das Haptische war nicht mehr da, aber die Musik war da.

Die Brücke zur Gefühlswelt war blockiert und die Verbindung zum Instrument löste nichts in mir aus. Das war ein beängstigender Zustand des Isoliertseins.

Eine Person, die auch MS hatte. Schon in einem fortgeschrittenen Stadium sagte sie zu mir: ‹Das Schlimmste an der Krankheit ist die Angst.›»

Die Tugend, mit dem «Einfachen» zufrieden zu sein – eine Lehre Pfammatters aus seiner Krankheit. «Mit der MS», sagt er, «kann ich auch nicht allzu viel von mir erwarten.» Etwa das Bergsteigen, wie er sagt. Obwohl er das als eine interessante Herausforderung nennt und es ihn aus medizinischer und funktionaler Sicht stört, dass er keinen Berg besteigen kann, sagt er: «Ich würde darin wohl sowieso keine Zufriedenheit finden.» Und letztlich, so Pfammatter, müsse er tun, was noch möglich sei. «Und mit einer positiven Einstellung».

Über seine MS-Erkrankung spricht Hans-Peter Pfammatter besonnen. Für Aussenstehende schon erschreckend gelassen. «Ich bin ein positiv denkender Mensch und habe deshalb wohl auch eine hohe Standhaftigkeit gegenüber schlechten Gedanken und kann viel einstecken», sagt der Musiker über sich selbst. Ganz so gelassen habe er seine Krankheit nicht immer gesehen. Mittlerweile konzentriert er sich aber darauf, was er kann. Er habe an jedem Konzert Freude, weil er es noch spielen dürfe, sei dankbarer als andere Musikerinnen und Musiker.

«Ich hatte immer das Gefühl, die Krankheit will mir etwas Existenzielles wegnehmen. Die Resonanz zur Welt und zu den Körpern.

Mal sind die Sachen da und plötzlich kommt ein Schub und verschluckt sie.

Und ich habe mich immer wieder und sehr lange gefragt: Wieso?»

Die Angst, eines Tages nicht mehr Klavier spielen zu können, sei bei ihm nicht akut, sagt Hans-Peter Pfammatter. «Aber in weiter Ferne ist sie da.» Kurz darauf kehrt bei Pfammatter der Optimismus, die Gelassenheit zurück. Auch im Rollstuhl könne er sich noch selbstständig bewegen. «Und mit heutigen Mitteln kann man ja auch mit einem einzigen Finger noch Musik machen – komponieren etwa», so Pfammatter. Dennoch sagt er, es wäre nicht einfach, eines Tages nicht mehr Klavier spielen zu können.

Den Gedanken daran habe er gehen lassen müssen. «Es stimmt einfach nicht, wenn wir zu uns sagen: Es gibt nur diese eine Sache in unserem Leben, was auch immer diese auch sein mag.» Man gehe mit sich selbst wohlwollender um, wenn man auch andere Möglichkeiten und Wege im Leben sehe. «Sicherlich», sagt Hans-Peter Pfammatter, «werde ich mich nirgends so gehen lassen können, so hineingeben können wie in die Musik.» Und es könne durchaus sein, dass er sich täusche. Dass die Realität im Rollstuhl, ohne Klavier schlimmer sei.

Hans-Peter Pfammatter lebt im Moment. Auf der Terrasse eines Cafés in der Luzerner Altstadt schwärmt er vom Klang um ihn herum. Der Brunnen, der neben dem Tisch plätschert. Der Kran, der sich bewegt. Die Menschen, die rundherum laufen. Die Spatzen, die ohne Scheu auf den Stühlen umherspringen und pfeifen. «All das ist Musik», sagt Pfammatter. Er unterbricht. Hört auf die Sirenen der Feuerwehr im Hintergrund. Und fährt weiter. Die Vielschichtigkeit der Musik biete ihm nach wie vor viele Möglichkeiten. Er vergleicht Musik mit Kochen.

Die Klänge, die er hört, sind Pfammatters Gewürze. «Es ist für mich ein riesiger Reiz, zu erproben, wie viel wovon es benötigt, damit die Magie entsteht.» Pfammatter, der bereits auf über 50 Einspielungen mitgewirkt hat, ist überzeugt, dass es immer etwas zu entdecken gebe. So hat er erst im Frühling 2025 zum ersten Mal gewagt, ein Solo-Improvisations-Programm in Luzern auf die Bühne zu bringen. Er, der sich in der Improvisationsszene international einen Namen gemacht hat, fühlte sich erst im Alter von 50 Jahren so weit.

Dann sei das Konzert ganz in Ordnung gewesen, sagt er rückblickend. Es sei eine grosse Herausforderung, allein auf einer Bühne zu improvisieren. Die Geduld zu haben, den Zustand und die Ruhe auszuhalten, bedürfe einer grossen musikalischen Reife. «Die habe ich noch lange nicht erreicht. Ich fühle mich nach wie vor sehr ungeduldig auf der Bühne», sagt Pfammatter.

Und der Weg dahin sei eigentlich auch ein endloser. Hans-Peter Pfammatter sagt dazu: «Aber eigentlich ist das auch schön – sonst wäre ja irgendwann fertig.»

«Alle Körper verklingen, meiner kann sich noch nicht entscheiden und kommt immer wieder zurück.

Aber eigentlich bin ich gar nicht so wichtig. Auch ich bin nur ein Wesen, das vorübergeht, in diesem ewigen Zyklus der Geburt und Wiedergeburt.»

Dieser Text ist zum ersten Mal im Walliser Boten vom 31. Mai 2025 erschienen.