Seit zwei Monaten leben Flüchtlinge im Marienheim in Brig, doch: «Viele fragen, wann es losgeht»


Nachdem der Kanton 2023 das Gästehaus St. Ursula erworben hat, sind kürzlich die ersten Schutzsuchenden eingetroffen. Ein Besuch in der Briger Burgschaft.

Die zentrale Lage mit Blick auf das Stockalperschloss sorgte im Vorfeld für Furore. Bild: pomona.media/Alain Amherd

Mirosviet sitzt auf einem Sofa im oberen Stockwerk des Gästehauses St. Ursula in Brig. Sein Blick ist auf das Stockalperschloss gegenüber dem Gästehaus gerichtet. Mirosviet ist einer der 50 Schutzsuchenden, die im St. Ursula eine vorübergehende Unterkunft finden. Gemeinsam mit seinem Vater floh Mirosviet vor dem Angriffskrieg Russlands in der Ukraine. 

Mirosviet schätzt sich glücklich, in der Schweiz sein zu dürfen. Bld: pomona.media/Alain Amherd

Die beiden stammen aus Odessa. Die ukrainische Stadt am Schwarzen Meer wurde früh zum Zentrum der Brutalität des Kriegs. Mirosviet sagt, die Situation in der Heimat sei immer schwieriger geworden.

Die Bombenangriffe häuften sich. Deshalb fuhren er und sein Vater mit dem Bus von Odessa nach Rumänien. Von dort aus kamen sie dann in die Schweiz. Zuerst nach Boudry im Kanton Neuenburg.

Und nun sind die beiden seit zwei Monaten in Brig. Mirosviet sagt: «Ich bin sehr glücklich, in der Schweiz zu sein – und damit weitab der Bombardierungen.» 

Seine Geschichte erzählt Mirosviet in fliessendem Deutsch. Das, obwohl der junge Ukrainer erst seit gerade mal zwei Monaten die Sprache lernt. Jene Schutzsuchenden, die der deutschen Sprache noch nicht mächtig sind, besuchen einen Kurs. Erwachsene Bewohner besuchen den Unterricht zweimal wöchentlich, die Kinder täglich.

Im Erdgeschoss des Gästehauses St. Ursula sitzt Ulf Kasten in einem Büro. Er ist der Verantwortliche der Kollektivunterkunft in Brig. 

Ulf Kasten leitet die Kollektivunterkunft im Gästehaus St. Ursula. Bild: pomona.media/Alain Amherd

Er sagt, es sei zentral, dass die Asylsuchenden so schnell wie möglich Deutsch lernen. Sei dies um die Schule zu besuchen oder Praktika in der Arbeitswelt zu absolvieren. 

Hervorragende Zusammenarbeit mit Schulen

Der Schulunterricht für die Kinder wird in Zusammenarbeit mit den Briger Schulen organisiert. Diese funktioniere hervorragend, sagt Ulf Kasten. Für die Lehrpersonen ist das aber keinesfalls vergleichbar mit regulärem Unterricht.

Kasten erklärt, in der Klasse der schutzsuchenden Kinder kämen verschiedene Kulturen mit verschiedenen Bildungshintergründen sowie Kinder aus allen Altersgruppen zusammen. 

«Alle Kinder müssen aber parallel unterrichtet werden – das kann herausfordernd sein», sagt Kasten. Dennoch erlebe er die Lehrpersonen als sehr engagiert. Kasten sagt weiter: «Die Lehrpersonen verspüren eine grosse Dankbarkeit.»

Die Kinder aus der Kollektivunterkunft würden nicht nach dem Wochenende oder den Ferien fragen. Im Gegenteil, wie Ulf Kasten sagt. «Sie fragen, wann es weitergeht, und warten zum Teil 15 Minuten früher vor dem Schulzimmer.» Es mache Spass, zu sehen, mit welcher Freude und Erwartung die Kinder die Schule besuchen, so Kasten. 

Die erwachsenen Bewohner folgen in ihrem Alltag Beschäftigungsprogrammen. Denn neben einer Kollektivunterkunft ist St. Ursula noch immer ein Gästehaus.

Um sechs Uhr morgens wird das Frühstücksbuffet angerichtet, ab acht Uhr ist die Rezeption für die Gäste geöffnet und der Hausdienst nimmt seine Arbeit auf. Bei Letzterem unterstützen die Bewohner der Kollektivunterkunft die Angestellten des Gästehauses. Sei dies bei der Reinigung von Korridoren und Gästezimmern, bei der Arbeit im grossen Garten oder im Abwartsdienst. 

Ulf Kasten sagt, es sei wichtig, dass die Bewohner während ihres Aufenthalts im Marienheim, wie das Gästehaus St. Ursula auch genannt wird, erste Erfahrungen im Arbeitsalltag sammeln. «Und zudem», sagt Kasten weiter, «ist es wichtig, dass sie Werte, die bei uns grossgeschrieben werden, wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Sauberkeit, möglichst früh mit auf ihren Weg erhalten.»

Sobald die Deutschkenntnisse es erlauben, wird versucht, die Bewohnerinnen und Bewohner dann in den Arbeitsmarkt zu vermitteln. Sei dies für Praktika oder bereits für eine erste Festanstellung. 

«Wir sind sehr dankbar»

Zurzeit absolviert eine der rund 50 Bewohnerinnen und Bewohner ein Praktikum in einem Betrieb: Viktoriia. Die Ukrainerin ist seit sechs Monaten in der Schweiz. Seit rund zwei Monaten lebt sie im Marienheim. Momentan hat Viktoriia eine Stelle in einem Restaurant. Sie hilft dort in der Küche mit – seit einem Monat.

Spricht sie über die Möglichkeit, zu arbeiten, wird ihre Dankbarkeit dafür spürbar. Die aufleuchtenden Augen sind nur eines der Zeichen dafür.

Viktoriia sagt, ihre Ankunft in Brig sei sehr gut verlaufen, sie fühle sich wohl. Das Personal und die Administration der Kollektivunterkunft St. Ursula seien «super».

Viktoriia flüchtete gemeinsam mit ihrer Tochter in die Schweiz. «Wir sind dem Wallis, seinen Leuten und dem Gästehaus sehr dankbar», sagt Viktoriia. Viktoriias Tochter, Anna, nickt zustimmend.

Anna sagt, sie fühle sich ebenfalls sehr wohl im Wallis. «Das Gästehaus St. Ursula ist sehr einladend und schön.» Während sie spricht, lächelt Anna verlegen, aber freundlich.

Sie sitzt gemeinsam mit ihrer Mutter am Tisch vor dem Eingang zum Speisesaal des Marienheims. In der Ecke steht ein Klavier. Daneben ein Regal mit Büchern. Bücher über das Leben von Jesus Christus und anderen biblischen Figuren. Bücher zur Geschichte des Wallis. Alles scheint noch wie vor Juni 2023, als das Gästehaus St. Ursula vom Kanton Wallis gekauft wurde. 

Doch auf den Gängen des Gästehauses scheint neues Leben eingekehrt zu sein. Leben aus allerhand Kulturen und Herkünften.

Hier sitzt Anna mit ihren hellen Haaren am Tisch. Dort sitzt ein Kind mit dunklem Hautton und tiefschwarzen Haaren auf einem Sofa. Ein junger Mann mit osteuropäischem Akzent grüsst freundlich, während ihm eine Frau im Hidschāb in den Speisesaal folgt. Irgendwo dazwischen rüsten sich die Wanderer für ihren Ausflug. Und am Empfang erkundigt sich ein älteres Ehepaar nach der Möglichkeit, ein Hochzeits-Apéro im Garten des Marienheims zu organisieren. 

«Es funktioniert besser als gedacht»

In einer Kollektivunterkunft für Schutzsuchende kommen Menschen aus allen Regionen und Kulturen der Welt zusammen – denn Konflikte gibt es überall auf dem Planeten. Dessen war sich auch Ulf Kasten bewusst. Und blickte nicht ganz unbesorgt darauf hin.

Doch mittlerweile sagt er: «Es funktioniert besser als gedacht.» Es sei kaum mehr erkennbar, wer woher komme. Beim Essen würden alle Bewohnenden zusammensitzen und in der Freizeit gingen sie gemeinsam spazieren. Und auch die Kinder hüten die Bewohner unabhängig von ihrer Herkunft gegenseitig.

Kasten, sichtlich berührt, sagt: «Es scheint, als ob die Konflikte aus der Heimat der Bewohnenden nicht da sind.» 

Ulf Kasten ist quasi ein Neuling in der Betreuung von Asylsuchenden. Er hat Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Marketing und Tourismusmanagement studiert. Seit 2003 lebt er in der Schweiz.

Bereits bevor der Kanton Wallis das Marienheim aufgekauft hat, leitete er die Parahotellerie im Gästehaus. Nun ist er seit Juni 2023 also auch verantwortlich für eine Kollektivunterkunft. Das Gästehaus St. Ursula steht aber auch weiterhin für Gäste aus aller Welt offen. 

Ein solcher Gast ist Kai Rudat. Die Kostümbildnerin arbeitet zurzeit bei einer Produktion am Briger Kellertheater mit. 

Während ihres Aufenthalts in Brig übernachtet die Frau aus Deutschland im Gästehaus St. Ursula. Sie habe sich freundlich willkommen gefühlt. Die Atmosphäre nimmt sie als sehr familiär wahr. 

Dass das Marienheim neben einem Gästehaus jetzt auch ein Asylzentrum ist, hat Rudat von ihren Kollegen am Kellertheater erfahren. «Hätte man mir das nicht gesagt», so Kai Rudat, «hätte ich das wohl auch nicht gemerkt.»

Man höre sicherlich überall «ausländische Klänge». «Aber meine Güte, das ist ja mittlerweile überall so!» In sich selbst versunken sitzt Rudat mit ihrem Tee in der Hand vor der grossen Fensterfront mit Blick auf das Stockalperschloss.

Sie sagt: «An dieser Kulisse ist doch alles toll.»

Ein Blick zurück, auf die Turbulenzen

Zufriedene Bewohner, zufriedene Gäste und eine zufriedene Leitung – alles scheint perfekt angelaufen zu sein in der Kollektivunterkunft St. Ursula. So idyllisch dies alles nun scheinen mag, dem Verkauf des Marienheims ging eine regelrechte Polemik voraus – angefangen an Heiligabend 2022.

Der Kanton informierte den Brig-Gliser Stadtpräsidenten Mathias Bellwald per Mail darüber, dass er plane, das Gästehaus St. Ursula zu erwerben. Am 27. Dezember desselben Jahres informierten der zuständige Staatsrat Mathias Reynard, Dienstchef für Sozialwesen Jérôme Favez und Chef des Amts für Asylwesen Roger Fontannaz mittels Communiqué die Öffentlichkeit über die Kaufabsichten – einschliesslich der Nutzungspläne.

Und das Trauerspiel nahm seinen Lauf. 

In der Bevölkerung, der Politik und dem Stadtrat wurden nach besagtem 27. Dezember Stimmen laut, die einen Kauf durch die Stadtgemeinde forderten. Dass dies im Zusammenhang mit dem geplanten Zweck, sprich einer Unterkunft für Flüchtlinge, zusammenhängt, stritt der Stadtrat von Brig-Glis vehement ab.

Und machte denn auch gleich ein Kaufangebot: Sechs Millionen Franken wollte die Stadtgemeinde bezahlen, um das Marienheim zu erwerben. Der Stadtrat von Brig-Glis hatte bereits zuvor ein Angebot der Ursulinen-Schwestern erhalten. Dieses hatte er ausgeschlagen.

An einer ausserordentlichen Urversammlung mit rekordverdächtiger Teilnehmerzahl sprach sich die Bevölkerung von Brig-Glis dafür aus, dass die Stadtgemeinde das Marienheim erwerben solle. Zwecklos – am 15. März 2023 stimmte der Grosse Rat dem Kredit für den Kauf zu und die Umnutzung war besiegelt. 

Ulf Kasten hat den Wirbel als Leiter des Gästehauses hautnah miterlebt. Sorgen hat ihm die Polemik im Vorfeld aber keine bereitet. Er sei davon ausgegangen, dass alles klappt, so Kasten. Angst bezweifelt er als Ursprung der Kontroversen rund um das Asylheim mitten in Brig. Vielmehr habe es sich wohl um Unsicherheit in der Bevölkerung gehandelt.

Kasten sagt: «Im Oberwallis hatte man bis anhin eventuell eher wenig Kontakt zu Flüchtlingen. Dieser fehlende Kontakt brachte Unwissenheit und Fragen mit sich.» Eine politische Diskussion gehört bei Projekten wie jenem der Kollektivunterkunft St. Ursula dazu. Das sieht auch Ulf Kasten so und sagt, er habe Verständnis für verschiedene Meinungen. 

Von Zeit, die man sich nehmen muss

Momentan befinden sich Ulf Kasten und sein Team in einer Phase, in welcher es gilt, den Rückhalt in der Bevölkerung zu gewinnen. Dazu müssen, so Ulf Kasten, Vorurteile durchbrochen werden. Er unterstreicht erneut, dass eine gewisse Distanz gegenüber Neuem in der Natur des Menschen liegt.

Sagt aber: «Wir sind auf einem guten Weg.» Kasten ist überzeugt, dass die Bevölkerung sich Schritt für Schritt bewusst wurde, dass die Kollektivunterkunft im Marienheim ein gutes Projekt ist und funktioniert. Doch das braucht Zeit – «und die muss man sich nehmen», so Kasten. 

Im Vorfeld der Inbetriebnahme der Kollektivunterkunft sorgte die zentrale Lage inmitten der Briger Burgschaft für rote Köpfe. Auch für die Lage sei das Verständnis mittlerweile gewachsen, sagt Ulf Kasten.

«Den Leuten wird die Wichtigkeit der Lage im Zentrum nach und nach bewusst – denn Integration der Geflüchteten ist das Wichtigste.» Klappt die Integration nicht, so führe dies zu Problemen, wie sie in unseren Nachbarländern zu sehen seien. 

Ulf Kasten untermauert seine Aussage, dass die Kollektivunterkunft auf dem richtigen Weg sei, mit positiven Rückmeldungen von Personen, die mit der Unterkunft in Bezug stehen. Seien dies die Mitarbeitenden des Gästehauses oder auch Personen von ausserhalb.

Aber auch Personen aus der Bevölkerung, die keinen direkten Kontakt zu der Kollektivunterkunft haben, hätten positive Rückmeldungen für Kasten und sein Team.

Und zudem verlaufe zurzeit alles sehr ruhig. «Es kommt durchaus vor, dass uns Personen aus der Bevölkerung fragen, wann es denn losgehe mit der Kollektivunterkunft.»

Die Bedenken bezüglich der öffentlichen Sicherheit haben sich bisher als vergebens erwiesen. Das zeigt auch eine Nachfrage bei der Stadtpolizei Brig-Glis. Diese steht in regelmässigem Austausch mit den Verantwortlichen der Kollektivunterkunft.

Isabelle Hanselmann, Stadtschreiberin von Brig-Glis, schreibt auf Anfrage, dass in den vergangenen Wochen verschiedene Begehungen und Kontakte zwischen der Stadtpolizei und der Kollektivunterkunft St. Ursula in Brig stattgefunden haben.

«Bis heute kam es zu keinen negativen Erfahrungen oder bekannten Rechtsübertretungen», so Hanselmann weiter. Aufgrund der kurzen Zeit von zwei Monaten sei es indes noch nicht möglich, umfassende Aussagen zu machen.

Die Kantonspolizei Wallis schreibt auf Anfrage: «Wir haben bis dato keine besonderen Vorkommnisse oder Ereignisse zu verzeichnen.»

Hoffnungen und Wünsche

Ulf Kasten hat Hoffnungen und Wünsche, wie jeder andere Mensch auch. Den Bewohnern der Kollektivunterkunft im Marienheim wünscht er, dass sie sich sicher fühlen. Viele von ihnen bringen grosse psychische und emotionale Belastungen mit sich. Diese will Kasten gemeinsam mit den Betroffenen überwinden.

Weiter sagt Ulf Kasten, Integration sei wichtig – und das gelte für alle. «Gehen wir ins Ausland, so müssen auch wir uns integrieren.» 

Mirosviet, Anna, Viktoriia und die rund 50 weiteren Bewohnerinnen und Bewohner der Kollektivunterkunft haben in der Schweiz Hilfe erhalten. Die Integration der drei Schutzsuchenden aus der Ukraine scheint auch zu klappen.

Neben Viktoriia, die ihr Praktikum absolviert, sind auch Anna und Mirosviet in die Gesellschaft eingebunden. Sie besuchen die Berufsfachschule Oberwallis. Anna möchte später Tiermedizinische Praxisassistentin werden. Sie möchte auch nach Kriegsende in der Schweiz bleiben.

Anna erlebt den Kontakt zu der Schweizer Bevölkerung als sehr positiv – die Walliser seien freundlich. Anna sagt: «Die Schweiz ist ein tolles Land – ich fühle mich hier sehr sicher.»

Auch Mirosviet möchte sich ein Leben in der Schweiz aufbauen. Er würde gern Banker werden und studieren gehen. Er hat ebenfalls nur Positives über den Kontakt zur lokalen Bevölkerung zu berichten. Die Leute seien sehr freundlich, er möge die Schweizerinnen und Schweizer. Und das Wallis sei ein schöner Fleck auf der Erde.

Dieser Text ist zum ersten Mal im Walliser Boten vom 12. Februar 2024 erschienen.