Seit fast zehn Jahren ist das Projekt «Les Mélèzes» in Planung. Und seit vier Jahren klafft im Boden eine riesige Baugrube. Jetzt beziehen die Verantwortlichen Stellung.
Sie ist unübersehbar – sei es von der Kantonsstrasse her, von der Brückenmattenstrasse in Susten oder wenn man von Leuk-Stadt Richtung Talgrund blickt: die riesige Baugrube auf der Brückenmatte in Susten. Das Projekt mit den geplanten sieben Wohnblöcken wird dieses Jahr zehn Jahre alt. In Feierlaune ist aber wohl niemand. Denn das millionenteure Vorhaben scheint seit Jahren nicht vom Fleck zu kommen. Das soll sich jetzt ändern.
Der grosse Rück-, Aus- und Überblick zum Projekt «Les Mélèzes». Und wie die Gemeinde Leuk trotz der scheinbaren Misere damit bereits über eine Million sparen konnte.
Im September 2015 titelte diese Zeitung «Grossüberbauung in Susten geplant». Dann wurde es still um das Projekt. Und auch auf der Baustelle blieb es still. Obwohl der damalige CSP-Gemeindepräsident Roberto Schmidt sagte, er gehe davon aus, dass mit grosser Wahrscheinlichkeit noch im Herbst 2015 mit dem Bau begonnen werden könne. Hätte Schmidt damals eine Glaskugel zur Hand gehabt, hätte er von der Aussage wohl abgesehen. Denn ein Augenschein vor Ort zeigt: Fast zehn Jahre nach dem Herbst 2015 ist auf der Sustner Brückenmatte wenig zu sehen. Ausser einer Baugrube.
Doch zumindest hinter den Kulissen geschah etwas.
Die Firma SI La Charmeuse SA hatte das Baugesuch für die sieben Wohnblöcke im Jahr 2015 eingereicht. Ein Blick in den zentralen Firmenindex der Schweiz zeigt: Im Jahr 2022 wurde die Firma mit Sitz in Lausanne aus dem Schweizerischen Handelsamtsblatt (SHAB) gelöscht. Eine andere Immobilienfirma – die «Immobiliare Tre Pini SA» – hat die Firma SI La Charmeuse SA übernommen. Das Waadtländer Handelsregister verrät: Die Fäden beider Firmen laufen bei Pietro Santisi zusammen. Der italienische Immobilienmogul baute sich in der Schweiz ein Vermögen auf: Im vergangenen Jahr schaffte er es mit seinem geschätzten Vermögen zwischen 300 und 400 Millionen Franken unter die 300 reichsten Menschen in der Schweiz.
Doch Millionen hin oder her: Santisi wollte von dem Projekt nichts mehr wissen. Das bringt eine neue Akteurin ins Spiel: die Firma HRS. Gegründet im Jahr 1962, Sitz in Frauenfeld, nach wie vor inhabergeführt, Jahresumsatz von 1,2 Milliarden Franken – das sind die Eckdaten zu der Immobiliendienstleisterin. In ihrem Portfolio finden sich Projekte wie die Spielstätte das FC St. Gallen, der Kybunpark, «The Circle» am Flughafen Zürich oder zahlreiche Wohnbauprojekte in der ganzen Schweiz. Und seit dem Jahr 2021 auch «Les Mélèzes» in Susten.
Im Jahr 2021 verkaufte die SI La Charmeuse SA das Projekt an die HRS. Als Grund dafür nennt die HRS auf Anfrage «geschäftspolitische Überlegungen». Das Projekt ist also seit etwas mehr als vier Jahren im Besitz eines Milliardenkonzerns – man könnte meinen, es geht voran. Doch ein Augenschein vor Ort beweist das Gegenteil.
Die ersten Arbeiten auf der Baustelle wurden im Sommer 2021 aufgenommen. Seitdem klafft im Boden eine riesige Baugrube. Böse Zungen behaupteten damals, dass die Projektverantwortlichen einzig verhindern wollten, dass die Baugenehmigung erlischt. Denn das Walliser Baugesetz sieht vor, dass eine Baubewilligung, die mehrere Gebäude umfasst, nach fünf Jahren erlischt. Es sei denn, bedeutende Arbeiten seien bereits in Angriff genommen worden. Also musste die Baugrube her, denn die Bewilligung aus dem Jahr 2016 drohte die HRS zu verlieren. Die HRS weist den Vorwurf von sich, man habe einzig den Verlust der Baubewilligung zu verhindern versucht – «unsere Absicht war schon damals, die Wohnungen zu realisieren.»
Im August 2022 fragte der «Walliser Bote» bei der HRS nach. Grund dafür: Nachdem die Baugrube 2021 ausgehoben war, geschah nichts. Ein Anwohner beklagte sich damals über den dadurch verursachten Staub im ganzen Dorf Susten. Die HRS liess vernehmen, dass die Bauarbeiten im Herbst desselben Jahres wieder aufgenommen werden würden. Es bedarf keiner Expertise im Bauwesen, um zu sagen: Das war nicht der Fall.
Im selben Zuge sagte der Projektleiter damals, dass die Wohnungen Ende 2024, Anfang 2025 bezugsbereit seien. Da sich auf dem Grundstück zurzeit keine Gebäude befinden, kann man auch hier sagen: Das ist nicht der Fall. Doch auch auf der Internetseite der HRS stand noch bis Ende Januar 2025 geschrieben, dass die Bauzeit im Januar 2025 endet. Nachdem der «Walliser Bote» die HRS mit Fragen zu dem Projekt konfrontierte, hat sie die Internetseite aktualisiert. Der neue Zeitplan sieht vor, dass die Bauarbeiten im Jahr 2027 abgeschlossen sind. Nichtsdestotrotz: Im vergangenen Jahr konnten aufmerksame Beobachter Arbeiten auf der Baustelle feststellen.
Das Gelände ist nun terrassiert und die orangen Planen der HRS verunmöglichen die Sicht auf die Baustelle von der Brückenmattenstrasse her. Alles in allem belaufen sich die Kosten für das Projekt «Les Mélèzes» mit seinen sieben Gebäuden auf rund 50 Millionen Franken. Die Lage auf dem Wohnungsmarkt im Oberwallis ist nach wie vor angespannt – die 128 geplanten Wohnungen dürften da willkommen sein. Doch trotzdem kam die Baustelle während fast zehn Jahren nicht vom Fleck. Bereits 2022 wollte der «Walliser Bote» von der HRS wissen, warum das so ist. Die Firma gab sich bedeckt und nannte keine konkreten Gründe. Nur den Baustopp bestätigte sie. Jetzt zeigt sich die Firma gesprächiger.
Auf Anfrage schreibt sie, dass der Baustopp verschiedene Gründe gehabt habe. «Darunter die Kapazitäten auf dem Baumarkt und eine mögliche Neupositionierung mit einem Anteil Eigentumswohnungen.» Zudem wollte die HRS die Produktdefinition und die Marktbedürfnisse nochmals prüfen und anpassen. Doch aufhorchen lässt eine andere Aussage: «Zudem wurden archäologische Funde entdeckt, was zur Involvierung des kantonalen Amtes für Archäologie führte. Die Erdarbeiten mussten von den Behörden begleitet werden, was erheblich zu dieser Verzögerung beigetragen hat.»
Kantonsarchäologin Corinne Juon bestätigt die erwähnten Funde. Es handle sich dabei um einen halb eingetieften Bau – wohl ein landwirtschaftliches Gebäude, so Juon. «Radiokarbondatierungen erlauben, das Gebäude ins Mittelalter zu datieren.» Doch in Anbetracht der jahrelangen Verzögerung auf der Baustelle in Susten macht Corinne Juon eine bemerkenswerte Aussage.
«Wie in 70 Prozent der archäologischen Untersuchungen in Zusammenhang mit Bauprojekten dauerte die Freilegung und Dokumentation weniger als zwei Wochen.» Genauer gesagt wurde der Fund am 22. und 23. Mai 2022 freigelegt und dokumentiert, nachdem die Überreste im Winter 2021/22 freigewaschen worden waren. Während der zweiten Etappe des Aushubs war das kantonale Amt für Archäologie vorsorglich ebenfalls mit dabei und liess Sondierschnitte anlegen. Zudem begleiteten die Archäologen die Erdarbeiten bis Ende März 2024 mit punktuellen Ortsschauen.
Der «Walliser Bote» hat die HRS mit den Aussagen des kantonalen Amtes für Archäologie konfrontiert. Die HRS teilte mit, dass kürzlich die Einsprachefrist gegen ein Bauabänderungsgesuch abgelaufen sei. «Vor diesem Hintergrund bitten wir um Verständnis, dass wir auf weitere Detailausführungen zur Vorgeschichte verzichten.» Die HRS arbeite nun an der Vergabe der Bauarbeiten.
Nach vier Jahren reichte die HRS ein Abänderungsgesuch ein für ein Projekt, das seit Jahren in Planung ist. Ändert sich also der Bau? Nein. Von den sieben Gebäuden, die das Projekt umfasst, waren nur in einem Gebäude Eigentumswohnungen geplant, in allen anderen Gebäuden Mietwohnungen. Mit dem Abänderungsgesuch wollte die HRS das ändern. Neu gibt es in insgesamt drei Häusern Eigentumswohnungen. Es sind dies die Häuser, für welche die HRS die Bauherrschaft hat – bei den anderen vier Häusern ist die UBS Bauherrin. Was die Bauherrschaft betrifft, gab es übrigens mehrere Mutationen.
Die frühere Version der Internetseite gab nämlich preis, dass unter anderem Credit Suisse Asset Management (CSAM) für vier der Gebäude die Bauherrschaft übernommen hat. Nach dem Untergang der Credit Suisse und deren Eingliederung in die UBS übernahm Letztere auch den Vertrag der CSAM für die vier Gebäude. Und während die HRS neuerdings die Bauherrschaft für drei Gebäude innehat, war dies laut alter Internetseite nur für ein Gebäude der Fall. Bei den zwei anderen Gebäuden lag die Bauherrschaft bei einer gewissen «Tre Pini SA» – ob es sich dabei um die weiter oben genannte Firma «Immobiliare Tre Pini SA» handelt, konnte nicht abschliessend geklärt werden. Weshalb sich die Tre Pini SA aus dem Projekt zurückgezogen hat, wollte die HRS nicht beantworten.
Dann war da noch die Sache mit der Erschliessung des Grundstücks durch eine neue Strasse, die «Mattenstrasse». Im Jahr 2016 sorgte diese im Zusammenhang mit der Verschiebung des Kreisels an der Rottenbrücke Richtung Leuk für Zündstoff.
In einem Leserbrief enervierte sich ein Einwohner der Gemeinde Leuk, dass diese im Rahmen des Kreiselprojekts die neue Mattenstrasse mitfinanziert. Der damalige Gemeindepräsident Roberto Schmidt konterte und schrieb, dass die Gemeinde keinen einzigen Rappen für die Mattenstrasse ausgebe. Die Frage, wie hoch die Kosten waren, will die HRS auch nach erneuter Nachfrage nicht beantworten. Unabhängige Quellen bestätigen aber übereinstimmend, dass die HRS ihre Rechnungen stets bezahlt habe.
Was bisher unbekannt war, ist, dass die HRS mit der Gemeinde einen Mietvertrag abgeschlossen hat. Und zwar mietet die Firma von der Gemeinde ein Gebäude an der Pletschenstrasse, angrenzend an die Brückenmatte, und nutzt dieses als Baubüro. Seit wann die Miete läuft, wie viel die HRS bezahlt und ob es sich tatsächlich um das Baubüro handelt, wollte die HRS nicht verraten. Die Gemeinde stellte eine Antwort in der kommenden Woche in Aussicht.
Doch die Gemeinde verdiente nicht nur durch den Mietvertrag an der Baustelle. Sie sparte. Nämlich 1,8 Millionen Franken – so viel hätte nämlich die Wohnbauförderung betragen, die die Projektverantwortlichen für «Les Mélèzes» erhalten hätten. Einziger Haken: Die Bauarbeiten hätten innert drei Jahren beginnen müssen. Es wäre an dieser Stelle unangebracht, erneut zu schreiben, dass das nicht geschehen ist. Doch jetzt ist es endlich so weit: Die HRS stellt einen Baustart in Aussicht. Oder Restart. Wie auch immer.
Die Firma plant nämlich, mit den Arbeiten im Frühsommer zu starten – «voraussichtlich», wie sie schreibt. Und auch eine Jahrzahl gab die Medienstelle nach dem Wort «Frühsommer» nicht an. Und wie bereits erwähnt, muss die Firma die Aufträge noch vergeben. Ab Frühjahr 2025 startet aber bereits der Verkauf der Eigentumswohnungen – und die Mietwohnungen sind ab der zweiten Hälfte 2026 auf dem Markt.
Auf ihrer Internetseite schreibt die HRS: «Mit Tatendrang packen wir komplexe Herausforderungen an, entwickeln neue Ideen und Konzepte und erwecken Projekte zum Leben.» Ob man das in Leuk noch glaubt?
Dieser Text ist zum ersten Mal im Walliser Boten vom 1. März 2025 erschienen.