Die Unterwalliser Ausstellung steht heuer unter dem Motto «légendaire!» Weshalb das Motto zu keinem besser passt, als zu dem Oberwalliser Möbelschreiner.
«Was ich rund um Herbert nie vergessen werde? Dass ich eifersüchtig auf ihn bin!», sagt Vincent Claivaz am Tag vor der Eröffnung der Foire du Valais in Martinach. Natürlich meint er das scherzhaft. Claivaz ist seit sieben Jahren OK-Präsident der grössten Herbstmesse der Westschweiz und seit 22 Jahren im OK vertreten. Herbert Lötscher ist bereits seit 25 Jahren als Aussteller mit dabei. Daher Claivaz’ «Eifersucht».
Rund 16 Stunden vor der Eröffnung der Ausstellung ist Herbert Lötscher mit seinem 25. Stand an der Foire du Valais fertig. Er verstaut noch den Staubsauger. Zu Hause sei er mindestens ebenso genau wie an seinem Stand, sagt Lötscher. Denn in der Numerologie – der Lehre von der symbolischen Bedeutung von Zahlen – ist er eine Neun. «Ein Perfektionist», so Lötscher. Und er glaubt fest an den ersten Eindruck – auch von einem Stand an einer Ausstellung. «Egal, was andere sagen, man kann den ersten Eindruck nicht ersetzen.»
Seit Dienstag arbeitet der 62-jährige Lötscher an seinem Stand. Und seit Dienstag schläft er auch kaum mehr. Jedes Stück am Stand hat seinen Platz bei Lötscher – «die Gedanken darüber hören auch während der Nacht nicht auf – ein Stand an der Foire du Valais bedeutet Arbeit, Tag und Nacht». Sein Perfektionismus könne diesbezüglich auch anstrengend sein. Letztlich geht es Lötscher aber darum, dass die Leute Freude am Stand hätten. Bleibt jemand stehen und sagt: «Oh, c’est joli», habe sich die Arbeit für ihn bereits gelohnt, so der gelernte Möbelschreiner, der sich heute als Lebensschüler bezeichnet.
Eine Lebensschule war für ihn auch die Foire du Valais. Lötscher, der mehrere Male den Lauf Siders–Zinal mitmachte, bezeichnet die Ausstellung als Marathon der besonderen Art. Herbert Lötscher ist von der Ausstellungseröffnung um 9.30 Uhr bis zu der Schliessung zwölf Stunden später an seinem Stand präsent. Dass das nötig ist, lernte er an seiner ersten Ausgabe.
Kurz vor Ende besuchte ein Paar aus Lavey in der Waadt seinen Stand. Ob er noch Zeit habe, schnell in die Waadt zu fahren. Sie seien interessiert an seinen Möbeln. So stieg Lötscher ins Auto, fuhr zwölf Minuten nach Lavey. Und verkaufte gleich eine komplette Schlafzimmerausstattung an das Paar.
Ein Vierteljahrhundert Foire du Valais. Neben einer Auszeichnung der Veranstalter am Freitag bedeutet das für Herbert Lötscher aber vor allem viel Erfahrung, viele Begegnungen und Bekanntschaften. Selbst die Zivilschützer im Einsatz bleiben an Lötschers Stand für einen kleinen Schwatz stehen. Als «Siffleur» – Pfeifer – kennt man Lötscher an der Foire nicht nur, man hört ihn auch. Ein bekanntes Ausstellerpaar von Herbert Lötscher besucht seinen Stand. «Wir haben dich bis hinten an unseren Stand pfeifen gehört und wussten: Herbert ist nicht weit!»
Etwa zehn Ausstellungen besucht Herbert Lötscher pro Jahr noch. Vor der Pandemie waren es gar rund 200. Doch die Foire du Valais steht nach wie vor fest in seinem Kalender. Immerhin wohnen drei Viertel der Walliser im Unterwallis. Aber auch die Anzahl Oberwalliser Besucher steige, so Herbert Lötscher. Seit sieben Jahren kennt die Foire du Valais auch jedes Jahr einen Oberwalliser Gast – heuer ist es Raron. Das freue ihn als in Turtmann wohnhafter Sustner besonders, sagt Herbert Lötscher über den Oberwalliser Ehrengast.
Er öffnet ein Paket. Auf dem Klebeband finden sich Smiley-Sticker. Er sei ein verwöhnter «Kärli», sagt Lötscher, während er das Paket öffnet. Zum Vorschein kommen metallene Lotosblumen. Er platziert sie unter der Glasscheibe seines Stehtisches – millimetergenau. Zuerst eine, dann die zweite. Die zweite nimmt er kurz darauf wieder weg. Und schiebt die erste weiter in Position, bis es stimmt. Lötscher sagt, er sei ausdauernd – wenn er für etwas brennt. «Dann lohnt es sich für mich. Mit Geld hat das aber nichts zu tun.»
Das Wort Stress hat Lötscher nicht in seinem Wortschatz. In der Ausbildung schrieb sein Lehrmeister in Lötschers Buch: «Mach jedes Ding, als wäre es dein Meisterstück.» Lötscher hat Gänsehaut, wenn er davon erzählt. Wenn er sich aber zu sehr in etwas hineingebe, seien es seine Frau und die drei Töchter, die ihn zurückholen würden. Aber es sei durchaus auch schon vorgekommen, dass er auf einem der Betten seines Standes an der Foire du Valais übernachtet habe – «das war aber ihn Zeiten, als ich die Ausstellung mit der ‹Boire du Valais› verwechselt habe», scherzt Lötscher. Humor gehört für ihn dazu. In jedem Kundengespräch, in jedem Gespräch generell.
Heute trinkt Lötscher keinen Schluck Alkohol mehr. «Null Komma gar nichts», so Lötscher, «mein reiner Geist ist die beste Droge, die ich zu mir nehmen kann.» An der Foire du Valais gehört Lötscher damit aber wohl zu einer Minderheit. So musste er sich gar um betrunkene Staatsräte kümmern, damit sie nicht aus einem seiner handgefertigten Möbelstücke fallen. Seit er keinen Alkohol mehr trinke, würden ihm die Leute sagen, er sei «fou» – verrückt – «aber ich bin sowieso verrückt. Daher werde ich wohl auch 99 Jahre alt, nie ganz 100!»
Die Foire du Valais 2025 steht unter dem Motto «Légendaire!». OK-Präsident Claivaz macht klar, dass Lötscher mehr als nur eine Legende der Foire du Valais ist: Jemand, der Möbel herstellen sowie pfeifen wie Lötscher könne und immer gut gelaunt ist, sei eine Legende. Mehr als nur an der Foire du Valais – «Mondiale!» Wer mit Herbert Lötscher etwas Zeit am Comptoir verbringt, erlebt den Beweis für Claivaz Aussage gleich selbst.
Den Staubsauger verstaut, die Lotosblumen auf den Millimeter genau platziert, dreht sich Herbert Lötscher um. Er schaut ein Bild an der Wand an. Am Tag der Eröffnung komme seine Sekretärin nach Martinach. Dann wechseln sie das Bild gemeinsam noch aus.
Dieser Text ist zum ersten Mal im Walliser Boten vom 26. September 2025 erschienen.