Der 86-jährige Schweizer Komponist ist einer der grössten seiner Zeit. Als Komponist sieht er sich aber nicht. Wie er sich bezeichnet und was er an der Walliser Kulturlandschaft schätzt.
Heinz Holliger, mögen Sie Reptilien?
(lacht) Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Mein Vater brachte mir als Kind ein kleines, ausgestopftes Krokodil aus Ägypten mit. Das nahm ich dann mit in die Schulklasse – die anderen Kinder sind vor Schreck die Treppen heruntergerannt!
Sie sind Komponist, Dirigent, Oboist und Pianist, um nur einige Ihrer Tätigkeiten zu nennen. Da passt das Chamäleon eigentlich besser als das Krokodil.
Ich sehe mich gar nicht als Chamäleon. Die Musik ist ein ganzes Universum – alles, was ich tue, ist eins. Ich mache all das als Musiker, nicht als Komponist, Oboist oder Pianist. Für mich ist das normal. Die Spezialisierung, wie sie viele Kollegen kennen, und nur in einer Schublade denken, liegt mir fern.
Gibt es solche Musiker wie Sie heute noch?
Es gibt sie wieder mehr als in meiner Jugendzeit. Es gibt immer mehr Pianisten, die imstande sind, eine Kadenz für ein Mozart-Klavierkonzert vollends im Stil zu komponieren. Oder Pianisten, die vom Klavier aus dirigieren. Anders bei den Komponisten, da gibt es nicht viele, die auch als «Ausführende» ganz gross sind. Ich erinnere mich dabei immer gerne an meinen Lehrer, Pierre Boulez. Er war nicht nur Komponist, sondern auch Dirigent und ein sehr guter Pianist, doch hing er das nie an die grosse Glocke. Oder auch das Geigen-Wunderkind Bruno Maderna, der in seinen letzten Jahren sehr wichtige Werke komponiert hat und bereits als 14-Jähriger auch dirigierte. Da gibt es noch viele weitere – etwa Artur Schnabel, Erdmann, Michael Gielen oder Antal Doráti.
Es gab im 20. Jahrhundert aber auch grosse Dirigenten, die ebenfalls komponierten – Otto Klemperer, Wilhelm Furtwängler und Rudolf Kempe, um nur einige zu nennen.
Das stimmt, aber… (überlegt) Sie haben alle komponiert, aber auf einem rührenden, amateurhaften Niveau. Und haben das selber nicht gemerkt. Ja, sogar der grosse Cellist Pablo Casals hat komponiert. Das war aber auch sehr bescheiden. Er hat gar nicht gemerkt, welch grosse Komponisten um ihn herum lebten. Er lebte wie in einer Glaskugel. Und erachtete neue Musik als absurd. Beispielsweise hat er die Cello-Sonate von Debussy in seinem ganzen Leben nur ein einziges Mal gespielt.
Obwohl viele Leute – Publikum, Musikerinnen und Musiker – bis heute zeitgenössische Musik scheuen, zeigen junge Musiker immer mehr Interesse an zeitgenössischer Musik. Als Nische, weil es mit dem traditionellen Repertoire alleine nicht mehr reicht, oder ist ein echtes Interesse da?
Es ist ganz klar ein grosses Interesse da. Wenn ich junge Leute an Seminaren coache, treffe ich auf enorm viel Neugierde – etwas, das so vielen grossen «Gewohnheits-Solisten» fehlt. Die machen ein Leben lang dasselbe. Die Offenheit der Jungen reicht aber auch zurück – so machen sie auch alte Musik in historischer richtiger Art. Junge Solisten, die ein Leben lang Rachmaninow spielen, sind langsam ein Auslaufmodell. Zum Glück, würde ich sagen. Wenn wir an früher denken: Alle grossen Komponisten waren zu ihrer Zeit berühmter als Solisten – Beethoven, Mozart oder Debussy etwa. Oder auch als Dirigenten, etwa Berlioz. Das ist für mich die Normalität. Schauen Sie doch nur auf Johann Sebastian Bach: Er unterrichtete Latein, spielte Orgel, Bratsche, Geige und Cembalo.
Sie wünschen sich also wieder mehr universale Genies?
Es braucht gar nicht das Wort Genie zu fallen. Für mich ist wichtig, dass wir in unserer schnelllebigen Welt alles mit allem vernetzen.
Blicken wir auf das Festival in Zermatt. Dort treten Sie diese Woche zweimal auf.
Eines meiner ganz grossen Erlebnisse als Oboist und Musiker war, mit dem Pianisten Mieczysław Horszowski die Schumann-Romanzen zu spielen. Und zwar in Zermatt. Das Stück spielt man ständig – doch nach dem Konzert habe ich etwas ganz Neues in dem Werk gefunden. Damit hat unsere Freundschaft begonnen.
Zur Person
Heinz Holliger gilt als eine der vielseitigsten und aussergewöhnlichsten Musikerpersönlichkeiten unserer Zeit. Geboren 1939 in Langenthal, studierte er in Bern, Paris und Basel Oboe (bei Emile Cassagnaud und Pierre Pierlot), Klavier (bei Sava Savoff und Yvonne Lefébure) und Komposition (bei Sándor Veress und Pierre Boulez). Nach ersten Preisen bei den internationalen Wettbewerben von Genf und München begann für ihn eine unvergleichliche Karriere als Oboist, die ihn in die grossen Musikzentren aller fünf Kontinente führte. Als Dirigent arbeitet Heinz Holliger seit vielen Jahren mit weltweit führenden Orchestern und Ensembles zusammen. Neben seiner Tätigkeit auf der Bühne ist er auch als Komponist erfolgreich. Holliger komponierte Bühnenwerke, Orchester-, Solo- und Kammermusikwerke.
Kennengelernt haben Sie Horszowski aber bereits durch Pablo Casals, der mit seinen Meisterkursen den Grundstein für das Zermatt Festival legte.
Casals war ein unglaublich inspirierender Mensch. Nicht nur als Musiker – vor allem auch als Antifaschist. Er hat sich wirklich engagiert wie nur wenig grosse Musiker. Wenn man denkt, wie Furtwängler und Karajan das Ego wichtiger war, als sich gegen das Dritte Reich zu wehren. Das sieht man übrigens auch heute an einigen Dirigenten wieder, wie wenig Mut die Leute haben. Aber es gibt auch andere Beispiele – etwa der ganz grosse russische Dirigent Kirill Petrenko. Und genau da sehe ich auch meine Aufgabe.
Wie meinen Sie das?
Als Musiker hat man ein grosses öffentliches Echo. Das muss man ausnutzen und sagen, was man denkt. Schon in jungen Jahren habe ich viele Kontroversen losgetreten, indem ich geradeaus sagte, was ich denke. Das finde ich ganz wichtig, dass Musiker nicht nur Königen und Zaren dienen und den Nachmittagstee versüssen. Die Musik ist auch da, um zu zeigen, was entstehen kann, wenn die Gedanken frei sind.
Welche Rolle haben Musiker und Kunstschaffende in unserer Zeit?
In den USA werden momentan diverse Kulturzentren zensuriert und kaputt geschlagen. Ich würde mir wünschen, dass sich noch mehr Dirigenten dagegen wehren würden. Aber viele haben bereits wieder Verträge unterschrieben und machen weiter wie bisher. Das finde ich schade. Ich bin froh, dass wenigstens einige etwas zu sagen wagen.
Diese Woche stehen Sie am Zermatt Festival wieder auf einer Oberwalliser Bühne. Sie verbindet viel mit dem Oberwallis. Etwa ihr Stück «Alb-Chehr», das Sie für die Oberwalliser Spillit komponiert haben.
Durch meinen langjährigen Freund Elmar Schmid habe ich die Tradition der Oberwalliser Spillit kennengelernt und ich war fasziniert davon. Dann habe ich den Alb-Chehr für sie komponiert und sie haben es über 50 Mal in aller Welt aufgeführt. Das Werk verbindet mich stark mit dem Wallis und seinem Dialekt, der für mich zuerst fremd war. Heute ist es für mich ein ganz gewöhnlicher Sprachklang. Und durch ihn habe ich in eine ganz andere Musik gefunden – jene, die im Walliser Dialekt «spricht». Dafür habe ich auch Hunderte von Walliser Sagen in den alten Ausgaben von Jegerlehner gelesen.
Haben Sie einen Lieblingsausdruck im Walliserdeutsch?
«Het ghöirut und gschggattut!» oder «Är isch schalüüse cho!» (lacht) – das gefällt mir viel besser als das «embrüf und embri», das man immer hört.
Sie haben gesagt, Sie seien fasziniert von der Tradition der Oberwalliser Spillit gewesen. Wie beschreiben Sie die Walliser Kulturwelt?
Man merkt sehr, dass das Wallis wie ein abgeschlossenes Kulturgebiet war und nicht ein selbstverständlicher Teil der Eidgenossenschaft. Die Walliser Kultur ist sehr eigenständig und dickköpfig und lässt sich nicht einfach manipulieren. Sie kennt eine ganz eigene Tradition von Sagen und Gedichten. Ich glaube, das hat sehr viel damit zu tun, dass die Walliser früher nicht ganz so schnell in Zürich, Bern oder Basel waren. Bis heute vernehme ich im Wallis urtümliche Klänge – wie im Engadin oder im Berner Oberland. Und was ich sehr schön finde, ist, dass das Walliser Kulturdepartement sehr stolz auf die Kultur und Tradition aus dem Kanton ist. Und deshalb auch viel hilfreicher als in vielen anderen Kantonen. Im Wallis schaut man die Kultur als Selbstfindung und identitätsstiftend an.
In der klassischen Musik bietet das Wallis nicht zuletzt eine hohe Dichte an Festivals – vom Festival Les Ondes in Monthey über das Sion Festival und die Briger Schlosskonzerte bis zum Musikdorf Ernen.
Die Entwicklung von Ernen finde ich sehr schön mitanzusehen. Angefangen mit dem Pianisten György Sebők und dem Fokus auf das Klavier, ist das Festival heute sehr vielfältig aufgestellt. Kulturell wie auch musikalisch – von sehr alter bis sehr neuer Musik ist alles zu hören. Und auch die Förderung von jungen Talenten ist in Ernen da. Das ist meiner Ansicht nach auch die Aufgabe von Konzertveranstaltern. Ansonsten sind sie nur «Verkäufer» einer Ware, die sich sowieso nur schlecht verkaufen lässt.
Kommen wir zurück nach Zermatt: Aufgrund einer Absage kam es zu einer Programmänderung beim Eröffnungskonzert. Und so ist nun doch eines Ihrer eigenen Werke auf dem Programm – ein spezieller Moment?
Im ersten Covid-Jahr mussten wir in Zermatt ein Orchesterkonzert wegen der Pandemie absagen. Und nun spielen wir fünf Jahre später am Festival – darunter meine sechs Lieder nach Christian Morgenstern. Als Sopranistin konnte ich Sarah Wegener gewinnen, die ich unglaublich schätze. Gemeinsam holen wir jetzt die Zermatter Aufführung dieses Jugendwerks von mir nach. Dazu kommt Gabriel Faurés «Sicilienne», «Chanson de Mélisande» und «La Mort de Mélisande» aus «Pelléas et Mélisande». Das war das erste Stück, das Sarah Wegener und ich gemeinsam aufgeführt haben. Dazu kommen Werke von Schubert, unter anderem die Sinfonie Nr. 5. An einem weiteren Konzert spielen wir zudem «Die Hebriden» von Mendelssohn, Haydns «Sinfonia concertante» und Beethovens Sinfonie Nr. 1.
Zu Beethoven haben Sie eine sehr spezielle Beziehung.
Schumann und Schubert etwa sind mir sehr nahe – seit meiner Jugend. Mein Vater hat ein Porträt Beethovens gemalt, das über dem Flügel zu Hause hing. Und dieser typisch Beethoven’sche Gesichtsausdruck, durchaus auch etwas böse und beängstigend, hat mich schon sehr früh beeindruckt. Positiv wie auch negativ. Das Porträt haben wir in einem Booklet einer Beethoven-Aufnahme übrigens abgedruckt! (lacht)
Dieser Text ist zum ersten Mal im Walliser Boten vom 11. September 2025 erschienen.