Als drei Jugendliche Hoffnung machten, dem Wallis, der Schweiz, der Welt – doch allen voran der Jugend


An der Gedenkfeier in Martinach sorgten die drei jungen Menschen für einen ergreifenden Moment.

Marie, Aline und Solal (von links) richteten als Zeugen der Brandkatastrophe eine Botschaft an die Jugendlichen. Bild: Keystone

«Das Leid ist unglaublich – es waren viele Jugendliche vor Ort. Sie mussten ohnmächtig zusehen, was für ein Drama sich vor ihren Augen abspielte.»

Mit diesen Worten leitete Benoît Aymon zum ergreifendsten Moment der Gedenkfeier zur Tragödie in Crans-Montana über. Aymon, der ehemalige Walliser Journalist, führte am Freitag im CERM in Martinach durch die Zeremonie.

Stellvertretend für alle Jugendlichen, die die Tragödie in der Bar Le Constellation miterlebt hatten, bat er drei davon auf die Bühne.

Marie, Solal und Aline.

«Mit grossen Emotionen ergreifen wir heute das Wort, um der Opfer des Brandes von Crans-Montana zu gedenken», begann Marie. «Dieser Abend, der den Beginn eines neuen Abschnitts, neuer Vorsätze sein sollte, endete im Grauen.» Mit ihren Freunden trank sie in einer Bar gegenüber dem «Constellation» ein letztes Getränk. «Unbeschwert und frei von Sorgen.»

Von einem Moment auf den anderen aber veränderte sich alles.

Marie ergriff als erste das Wort. Bild: Keystone

Die Szenen seien schlimmer als jeder Albtraum gewesen. «Schreie hallten durch die eiskalte Luft. Der Brandgeruch war unerträglich.» Was sie in der Nacht auf den 1. Januar 2026 erlebt hätten, würden sie niemals vergessen können. «Aber wir können daraus Kraft schöpfen», sagte Marie.

Sie richtete sich an die Anwesenden der Gedenkfeier, an Staatschefs und Diplomaten, Rettungskräfte und Politiker. Doch allen voran an die Familien und Angehörigen der Verstorbenen und Verletzten. «Lasst uns dafür sorgen, dass dieser Schmerz nicht vergeblich ist. Warten wir nicht länger, um unseren Lieben zu sagen, dass wir sie liebhaben. Leben wir intensiv, hier und jetzt.»

Dann ergriff Solal das Wort. Das Drama von Crans-Montana, sagte er, habe nicht an der Kantons- oder Landesgrenze haltgemacht. Die Anwesenheit von Personen aus aller Welt an der Gedenkfeier zeuge davon. «Egal welcher Nationalität wir sind oder wie alt wir sind – wir fühlen uns alle berührt und solidarisch mit allen Opfern und ihren Angehörigen.»

Die Machtlosigkeit angesichts des Brandes sei frustrierend gewesen, «deshalb möchten wir danken – der Polizei, der Feuerwehr, den First Respondern und allen, die geholfen haben». Er dankte auch dem Gesundheitspersonal in den Walliser und Schweizer Spitälern sowie jenen im Ausland.

Eine Botschaft – von Jugendlichen an die Jugend

Im dritten Teil der Botschaft der drei jungen Menschen richtete sich Aline direkt an die Jugend.

«Wir sind eine Generation, die in einer fragilen, manchmal harten, oft ungerechten Welt aufwächst», sagte sie sichtlich ergriffen. Doch dennoch gehe ebendiese Generation weiter, «trotz Zweifel, trotz Angst». Sie kämpfe weiter für das, woran sie glaube. Und dabei zähle jeder Einsatz. Auch der, den niemand sehe. «Vielleicht hört ihr das nicht oft, vielleicht nie. Darum sagen wir es euch heute: Wir sind stolz auf euch.»

Trotz der Erlebnisse der Silvesternacht stand Aline vor den rund 700 Gästen in Martinach. Und sprach den Jugendlichen ihrer Generation Hoffnung zu: Sie sollen stark bleiben, aufrecht weitergehen. «Und solange die Sonne scheint, geniesst jeden Moment, so zerbrechlich er auch sein mag. Wir können dem Leben keine Tage hinzufügen, aber wir können den Tagen Leben hinzufügen.»

Mit diesen Worten schloss Aline die Botschaft der Jugendlichen.

Während einer Schweigeminute gedachte man in Martinach der Opfer. Bild: Keystone
Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron (rechts) zeigte sich an der Gedenkfeier sehr berührt. Bild: Keystone

Auf dem Bild der Übertragung war während ihrer Worte der französische Staatspräsident Emmanuel Macron zu sehen. Einer der mächtigsten Männer der Welt rang mit seinen Emotionen. Tief berührt von einer jungen Frau, deren Welt sich vor einer Woche veränderte. Unumkehrbar.

Doch gemeinsam mit Marie und Solal stand sie stellvertretend für alle jungen Menschen, die die Tragödie von Crans-Montana miterleben mussten, vor den Anwesenden der Gedenkfeier. Vor dem Wallis, der Schweiz und der Welt. Und gemeinsam standen sie dort als Zeichen der Hoffnung.

Vom ersten Moment an, als die jungen Leute die Bühne betreten hatten, wurde es im CERM still. Im Medienzentrum war kaum ein Tippen, kein Klicken der Fotoapparate zu hören. Die Stille wurde im Saal der Zeremonie erst am Ende der Rede gebrochen. Nämlich dann, als zum einzigen Mal während der ganzen Gedenkfeier Applaus zu hören war.

Als die Gäste zu der Gedenkfeier eintrafen, war auf den Bildschirmen ein blaues Herz zu sehen. Und auf jedem der Stühle lag eine weisse Rose. Immer wieder waren auf den Bildern der Übertragung Hände jeglichen Alters zu sehen. Hände, die sanft über die weisse Rose streicheln.

Die weisse Rose – in der Blumensprache ein Symbol des Abschieds, des Respekts, des Friedens und der Reinheit. Und der Hoffnung.

Auch Staatsratspräsident Mathias Reynard hielt sie in der Hand. Roch daran, berührte sie. Dann schritt er ans Mikrofon. Seinen Blick dabei auf den Boden gerichtet. Bevor er zu sprechen begann, atmete er tief ein und aus. Noch bevor er redete, kämpfte er mit seinen Emotionen.

Staatsratspräsident Mathias Reynard stand den Opfern und Angehörigen in den vergangenen Tagen bei. An der Gedenkfeier spendete er Trost. Bild: Keystone

In den vergangenen Tagen stand Mathias Reynard den Angehörigen und Opfern bei, sprach mit ihnen, hörte zu. «Den 1. Januar 2026 werden wir nie vergessen – die Dämmerung einer Nacht der Freude und des Zusammenseins wurde zum Albtraum», setzte er am Freitag zu seiner Rede an.

Keine Worte würden die Wunden jemals heilen können, so Reynard. «Doch Stille würde nicht ausreichen, um unsere Solidarität auszudrücken.» Seine Worte richtete er nicht nur als Präsident der Walliser Regierung an die Opfer und deren Angehörige. Sondern auch als Mensch.

«Wir sind mit euch – Mama, Papa, Bruder, Schwester, Grosseltern, Familien, Freunde, Partnerin oder Partner, Schulkameraden: Es verging keine Minute, in der wir nicht an euch dachten», sagte Reynard zu den Angehörigen. An der Gedenkfeier wolle man die Seelen der 40 Verstorbenen feiern – «und die Abwesenheit der Verletzten schmerzt uns sehr».

Reynard sagte auch, es sei der Moment, zu danken. Sämtlichen Einsatzkräften und allen, die bisher geholfen hätten und dies weiterhin tun würden. «Die Krise hat uns gezeigt, dass wir unser Motto als Eidgenossen auch wirklich leben: einer für alle, alle für einen.» Die Schweiz sei so vereint wie selten zuvor.

Doch Reynard wurde auch deutlich. Und richtete sich in Englisch an die Anwesenden.

Die Justiz müsse in aller Strenge und Unabhängigkeit ermitteln, wie es zu der Tragödie kommen konnte. Die Verantwortlichen müssten gefunden werden, auch bei den Behörden. «Das sind wir den Angehörigen schuldig», so Reynard.

Und der Präsident der Walliser Regierung richtete sich an alle Erwachsenen. Diese hätten eine moralische Verpflichtung: Es sei nicht der Fehler der Jungen, dass sie ihr Leben verloren hätten. «Das Mindeste, was wir nun tun können, ist, uns zu entschuldigen.»

Auch er machte den Jugendlichen Hoffnung: Jedes Leiden, jede Angst, jede Träne sei legitim – doch ihre Möglichkeit zu lieben und sich zu freuen sei noch da. «Ihr könnt weitergehen, ohne jemals zu vergessen – gemeinsam und vereint stehen wir wieder auf.»

Neben musikalischen und literarischen Momenten durch Walliser Kulturschaffende ergriff auch Bundespräsident Guy Parmelin das Wort. Auch er sprach den Angehörigen das Mitgefühl der ganzen Schweiz aus und plädierte für eine lückenlose Aufklärung. «Damit es nie wieder zu so einem Drama kommt.»

Rund 700 Gäste waren an der Gedenkfeier. Bild: Keystone
Bundespräsident Guy Parmelin (Bildmitte) und Staatsratspräsident Mathias Reynard schreiten zu der Gedenkstätte im CERM. Bild: Keystone

Neben Parmelin nahmen auch die Bundesräte Ignazio Cassis und Beat Jans sowie Bundeskanzler Viktor Rossi an der Feier teil. Der Walliser Staatsrat war in corpore vertreten. Neben Emmanuel Macron waren auch der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella und zahlreiche Vertretungen weiterer Länder in Martinach zugegen. Zudem waren auch Rettungskräfte vertreten.

Im hinteren Bereich der Halle des CERM, dort, wo die zahlreichen Blumenkränze als Zeichen der Anteilnahme standen, legten die Anwesenden zum Schluss ihre weisse Rose ab. Als Zeichen des Abschieds, der Hoffnung.

Dieser Text ist zum ersten Mal im Walliser Boten vom 10. Januar 2026 erschienen.