«Das Leben hat keinen Preis» – deshalb lässt er einen Fremden sein Auto nach Hause fahren


Jedes Jahr fahren zig Freiwillige im Dezember im Rahmen der Aktion Nez Rouge mit fahruntüchtigen Personen in der ganzen Schweiz nach Hause. Unterwegs mit zwei von ihnen.

Auguste Gex (links) und Guillaume Vouillamoz bei einem Halt in Savièse. Bild: pomona.media

«Das Leben hat keinen Preis – ich könnte jemand anderen oder mich töten, wenn ich jetzt fahren würde. Da macht es mir nichts aus, wenn jemand Fremdes mein Auto fährt.»

Das sagt ein junger Mann. Er sitzt angetrunken auf dem Beifahrersitz seines Autos und wird von Guillaume Vouillamoz von Sitten nach Savièse bis in die Garage seines Hauses gefahren.

Guillaume Vouillamoz ist freiwilliger Helfer bei Nez Rouge Wallis. Die Fahrt mit dem jungen Mann aus Savièse ist seine erste in der Nacht des 23. Dezember, einen Tag vor Heiligabend. Ihm folgt in einem schwarzen Mercedes Auguste Gex. Auch er ist für Nez Rouge im Einsatz. Gemeinsam fahren Gex und Vouillamoz die ganze Nacht durch das Unterwallis, von Le Bouveret bis nach Grimentz, von Port-Valais bis nach Crans-Montana – wo auch immer die Klienten sie brauchen.

Nur im Oberwallis sind Gex und Vouillamoz nicht zugegen. Denn wer hier die Nummer 0800 802 208 wählt, kommt nicht durch. Die Antenne ist unbedient, der Dienst nicht aktiv.

Sämtliche Anrufe der Klienten gehen direkt an die Zentrale in Saxon. Von dort werden die Fahrer beauftragt. Bild: pomona.media
Präsidentin Estelle Vuignier im Gespräch mit Gex und Vouillamoz. Bild: pomona.media

Einige Stunden vor Vouiallmoz’ und Gex’ Fahrt von Sitten nach Savièse bereitet Estelle Vuignier, Präsidentin von Nez Rouge Valais, die Zivilschutzanlage beim Feuerwehrlokal in Saxon für die anstehende Nacht vor. Dort treffen sich alle Freiwilligen vor ihren Einsätzen. Alle Freiwilligen müssen vor ihren Einsätzen jeweils ihre Führerscheine präsentiert und einen negativen Alkohol-Atemtest abgelegt haben.

 

Seit zehn Jahren ist Vuignier im Vorstand von Nez Rouge Valais. Es habe in dieser Zeit immer wieder Bestrebungen gegeben, dass der Verein auch Richtung Oberwallis expandiere. Bisher chancenlos.

Kein «Promille-Taxi»

Nez Rouge entstand 1984 im kanadischen Quebec. Seit einigen Jahren bieten auch hierzulande Freiwillige im Rahmen der Aktion einen kostenlosen Heimfahrdienst während der Festtage und der Wochenenden im Dezember an. Dabei handle es sich keinesfalls um eine Art «Promille-Taxi», sagt Vuignier. Das sei ein Vorurteil. «Wir bringen nicht nur Personen, sondern auch Fahrzeuge nach Hause.» Wer also nicht selbst mit dem Auto unterwegs ist, kann den Dienst von Nez Rouge nicht beanspruchen, sagt Vuignier einerseits.

Andererseits würde das Angebot für sämtliche «fahrunfähige» Personen zur Verfügung stehen. Nicht nur für Angetrunkene.

Auch die Präsidentin unterzieht sich als chef de soirée einem Alkohol-Atemtest. Bild: pomona.media

Vuignier erinnert sich dabei an einen Familienvater. Dieser war auf der Rückreise eines Familienfests. Er war nicht betrunken, merkte aber laut Vuignier, dass er auf der Fahrt zurück nach Hause sehr müde wurde. Und so rief er Nez Rouge von einer Raststätte aus an. «Wir holten ihn ab und fuhren ihn nach Hause», so Vuignier.

Keine Wertung, keine Moralpredigt

Bei Nez Rouge werde nicht gewertet, die Menschen nicht verurteilt. Das sei zentral. Nez Rouge, sagt Estelle Vuignier, sei nicht dazu da, den Leuten Moralpredigten über ihren Konsum zu halten. «Wir bringen sie einfach sicher nach Hause, die Fahrt soll für beide Seiten angenehm sein.»

In der Schweiz kam die Aktion zum ersten Mal im Jahr 1990 auf, im Kanton Jura. 2004 wurde der Verein im Wallis nach ersten Ausgaben in den 90er-Jahren gegründet. Heuer feiern die Mitglieder das 25-jährige Bestehen. Mittlerweile deckt Nez Rouge nach eigenen Angaben sämtliche Regionen der Schweiz ab. Mit der Ausnahme des Engadins und eben des Oberwallis.

Estelle Vuignier sagt, dass Nez Rouge aus dem Unterwallis nach wie vor offen und motiviert sei, das Wissen an eine Oberwalliser Sektion weiterzugeben. Doch dazu brauche es auch Personen aus dem Oberwallis – «im Vorstand etwa vier oder fünf Personen. Dazu kommen die Freiwilligen».

An diesem Abend vor Heiligabend sind es in der Zivilschutzanlage von Saxon 16 Freiwillige. Unter ihnen sind auch Guillaume Vouillamoz und Auguste Gex. Bereits am Vorabend waren die beiden gemeinsam unterwegs. Insgesamt sechs Fahrten waren es. Beide sind Lkw-Fahrer. Daher haben sie Erfahrung darin, mehrere Tage hintereinander über eine längere Zeit am Steuer zu sitzen.

Die freiwilligen Fahrerinnen und Fahrer treffen sich in der Zivilschutzanlage Saxon. Bild: pomona.media
Für Unterhaltung… Bild: pomona.media
… und Verpflegung sorgen die Organisatoren. Bild: pomona.media
Guillaume Vouillamoz (links) und Auguste Gex kannten sich bereits vor ihrem Einsatz bei Nez Rouge. Bild: pomona.media

Die beiden sitzen etwas ab von der Masse, an der obersten der drei Tischreihen. Wie viele der Freiwilligen kannten auch sie sich vor ihrem Einsatz bei Nez Rouge. Die beiden um die 40 Jahre haben sich zusammen angemeldet.

Vouillamoz kam vor zehn Jahren zu Nez Rouge. Damals hatten er und seine Partnerin sich getrennt. Eine Freundin motivierte ihn, bei Nez Rouge mitzufahren. Vouillamoz sagt heute: «Um auf andere Gedanken zu kommen und gegen die Einsamkeit.» Aus denselben Gründen hat er auch seinen Freund Auguste Gex motiviert, mitzufahren.

Eine Fahrt benötigt immer mindestens zwei Personen. Sobald das Telefon in der Zentrale klingelt, fährt das Team gemeinsam los. Und zwar im sogenannten Nez-Rouge-Fahrzeug. Dies können etwa Privatfahrzeuge sein – die Organisatoren kommen dabei für das Benzin auf – oder etwa Fahrzeuge, die Autogaragen dem Verein für die nötigen Tage zur Verfügung stellen.

Einmal beim Klienten angekommen, setzt sich eine Person des Teams mit in dessen Auto und fährt mit ihm nach Hause. Die andere Person fährt im Nez-Rouge-Fahrzeug hinterher. «Wenn wir beim Klienten zu Hause sind, geben wir noch einen Blick auf ihn – dass er es auch sicher ins Haus schafft, man weiss ja nie!», sagt Vouillamoz und grinst etwas.

Dann ergreift Estelle Vuignier das Wort. Sie ist an diesem Abend nicht nur Präsidentin des Vereins, sondern auch «chef de soirée», die Verantwortliche für den Abend. Als solche instruiert sie ihr Team des Abends, weist auf die nötige Vorsicht hin. Und sagt klar: «Wenn es zu Problemen mit Klienten kommt, haltet ihr an, legt den Autoschlüssel auf das Armaturenbrett, steigt aus und ruft mich an.»

Vor ihrem Einsatz erhalten die Freiwilligen zudem eine Einführung in die vereinseigene App. Bild: pomona.media
Nach abgeschlossener Instruktion verteilen Vorstandsmitglieder die Autoschlüssel. Bild: pomona.media

Zu kritischen Momenten aber komme es selten, sagt etwa Guillaume Vouillamoz. Er spricht sogar vom Gegenteil, von einzigartigen Erlebnissen. Etwa zur Fasnachtszeit, den einzigen Tagen ausserhalb des Monats Dezember, an denen Nez Rouge Valais im Einsatz steht. Vouillamoz lacht. «Wer bitte schön sonst kann erzählen, dass er zwei Giraffen – beide den Kopf aus dem Schiebedach streckend – nach Hause gefahren hat?»

Nez Rouge ist ein freiwilliges Angebot, es dient der Prävention. Die Klienten wissen also, worauf sie sich einlassen, wenn sie anrufen. Das mag mit ein Grund sein, weshalb es selten zu kritischen Momenten kommt. Und viele wissen, was passiert, wenn sie sich fahruntüchtig hinters Steuer setzen: Führerscheinentzug.

Guillaume Vouillamoz und Auguste Gex sind nach der Fahrt nach Savièse wieder zurück in Sitten. Und dann ruft schon der nächste Klient an. Sie müssen zurück nach Savièse. Dort warten ein Klient aus Martinach und sein Kollege aus Fully. Sie wollen nach Hause.

In knapp einer Woche steht der strengste Abend für die Fahrer von Nez Rouge an. Fast die Hälfte aller Fahrten werden an diesem Abend absolviert. Und nicht alle wollen nach Hause. Gex sagt, es sei schon vorgenommen, dass sie am selben Abend dieselbe Person viermal gefahren seien. Von Klub zu Klub. Gex bedauert dies. Nein zu sagen, sei schwierig. Man wisse nie, wohin und aus welchen Beweggründen die Klienten gefahren werden wollten.

Zuvor aber steht noch die Arbeit an diesem Abend an. «Der Abend vor Heiligabend ist der schönste», wie beide sagen. Und sie fahren weiter.

Dieser Text ist zum ersten Mal im Walliser Boten vom 27. Dezember 2025 erschienen.