Nach der Gründung des Vokalensembles Sierrénade 1996 oblag die Leitung durchgehend dem Gründer – Norbert Carlen. Am Wochenende führt er das Ensemble zum letzten Mal durch ein Konzert.
Es war eine Sensationsneuigkeit im Juli 1996: Mit dem Schaf Dolly konnten Forscher zum ersten Mal ein Lebewesen klonen. Im selben Jahr kam es mit der deutschen Telekom zum grössten Börsengang Europas. Bill Clinton schaffte seine Wiederwahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika und Frankreich testete zum letzten Mal eine Atomwaffe.
Und im Wallis gründete Norbert Carlen das Vokalensemble Sierrénade.
Ziel des Ensembles war es stets, den Kulturaustausch zwischen dem Ober- und dem Unterwallis zu fördern. Und dem Publikum und den Sängerinnen und Sängern auch neue, weniger bekannte Werke zu eröffnen. So etwa am kommenden Wochenende das Requiem in c-Moll des portugiesischen Komponisten João Domingos Bomtempo. Und damit ist für Norbert Carlen nach fast 30 Jahren als Leiter des Ensembles Sierrénade Schluss.
Ein zurückhaltender Gründer und ein Widerspruch
In den Medien wollte er sich deshalb trotzdem nicht präsentieren – «ich halte sehr wenig von diesem Personenkult», sagte Carlen. Zum einen habe er Mühe, sich in Wörtern auszudrücken, er sage die Dinge nicht, wie er eigentlich möchte. Zum anderen sieht sich Norbert Carlen als Angestellter beim Ensemble Sierrénade. «Wir machen das zusammen, ich bin nur ein Teil des grossen Puzzles.»
Da er es aber war, der das Puzzle erst in Auftrag gegeben hat und es ihm die rund 40 Sängerinnen und Sänger nahegelegt haben, hat er schlussendlich einem Interview zugestimmt. Und empfing bei sich zu Hause in Siders, im Haus, das er und seine Frau Beatrice vor 40 Jahren etwas östlich des Stadtzentrums von Siders erworben haben.
Eigentlich steht es im Widerspruch zu Norbert Carlens Tätigkeit, dass er nicht im Vordergrund stehen will. Immerhin steht er bei Konzerten des Ensembles Sierrénade als Dirigent nicht nur vor den Sängerinnen und Sängern, sondern auch klar erkenntlich für das Publikum vor allen. Und generell ist Zurückhaltung nicht ein Attribut, das oft mit Kulturschaffenden in Verbindung gebracht wird. Carlen ist sich dessen bewusst, sagt aber, dass das letztlich auch eine Charakterfrage sei. «Und ich stehe selbstverständlich auch gerne auf der Bühne – aber auch dort verzichte ich lieber auf das Zelebrieren der eigenen Person.» Nach Konzerten verlässt er die Bühne am liebsten direkt, ohne das zigfache Rauf und Runter während des Applauses.
Geschichtsträchtige Orgelbauerfamilie
Musik liegt bei Norbert Carlen in der Familie. 1956 kam er in Siders zur Welt, in der Familie der Orgelbauer Carlen. Sein Grossvater Henri war der letzte Orgelbauer aus der direkten Linie. Und auch seine Eltern gaben Norbert Carlen Musik mit auf den Weg: Sein Vater, er war Lehrer an der deutschen Schule in Siders, war ein leidenschaftlicher Amateurmusiker. Bereits er leitete diverse Chöre, unter anderem in der Kirche. Und auch die Mutter habe schön gesungen, sagt Norbert Carlen. Durch die rege Chortätigkeit des Vaters sangen Norbert Carlen und seine fünf Geschwister bald auch in den Chören mit. Und auch mit Kirchenmusik kam Carlen dadurch in engen Kontakt.
Jeden Sonntag besuchte er als Kind die Messe, sang dann später im Kirchenchor mit. Heute geht Norbert Carlen wenig zur Messe – «immerhin lese ich auch allerhand Dinge.» Und auch rückblickend sagt Carlen, dass die Religion viel kaputt gemacht habe. «Du darfst dies nicht, du darfst das nicht – etwa vor der Kommunion war es untersagt zu frühstücken. Das waren aber letztlich andere Zeiten, wir lebten in einer Blase.» An den spirituellen Aspekt der Kirche glaubt Norbert Carlen aber bis heute. Oft besucht er deshalb Kapellen und Kirchen – «für mich ist diese Spiritualität zeitlos.»
Als zeitlos beschreibt er auch die Kirchenmusik. Ein Genre, das ihm sehr am Herzen liegt. Und so kommt es auch wenig überraschend, dass Norbert Carlens letztes Werk mit dem Ensemble Sierrénade eine Messe ist. Ein Requiem, eine Totenmesse. Mit seinem Abschied habe das aber nichts zu tun, sagt Carlen. «Allem voran finde ich die Musik wunderbar – das hat weder mit einem Abschied noch mit der Religion etwas zu tun.» Und wenn die Musik von Bomtempo einen religiösen Hintergrund habe, dann sei das halt so.
João Domingos Bomtempo vollendete sein Requiem im Jahr 1819. Ursprünglich schrieb er zum Gedenken an den portugiesischen Nationaldichter Luís de Camões, später galt die Widmung den gefallenen Freiheitskämpfern. Das Werk in c-Moll ist mit Chor, Soli und Orchester besetzt. Bei den Aufführungen des Vokalensembles Sierrénade übernimmt das Orchester Sinfonia Valais-Wallis den Orchesterpart. Die Struktur des Requiems erinnert stark an Mozarts berühmtes Requiem in d-Moll, während die Musik nahe bei Bomtempos Zeitgenossen Beethoven und Schubert liegt. Und wie Norbert Carlen sagt: «Es ist unerhört harmonische Musik – für ein Requiem fast zu fröhlich!»
Mit seiner Aufführungsdauer von rund 60 Minuten erfüllt das Requiem von Bomtempo auch ein weiteres Kriterium Norbert Carlens: «Es ist eine Hochleistung, sich bei einer Musikaufführung über mehr als so viel Zeit zu konzentrieren und zu musizieren – ich will und darf die Leute nicht überfordern.» Zu seinen «Spitzenzeiten» betreute Norbert Carlen bis zu sieben Chöre. Gleichzeitig. Und jeder davon war anders.
Der Vater eine Inspiration, die Mutter eine starke Frau
Es war Norbert Carlen immer ein Anliegen, den jeweiligen Chor anhand der Fähigkeiten und Möglichkeiten zu nehmen, wie er ist. Jedes Mitglied des Chores, ob gut oder weniger gut, ist für ihn wichtig und ist ein Teil des Ganzen.
Sein Vater sei musisch für ihn eine Inspiration gewesen. Die Mutter aber, sie sei vor allem verantwortlich für die Erziehung und den Werdegang der Kinder gewesen – vier Lehrpersonen, eine Arztgehilfin und ein Musiker. «Eine starke Frau», erinnert sich Norbert Carlen. Mit 53 Jahren machte sie noch ihren Führerschein und als es darum ging, oberhalb von Bellwald ein Maiensäss umzubauen, habe sie das Projekt initiiert und umgesetzt. Zu Hause habe sie für Ordnung gesorgt und sich um den alltäglichen Ablauf gekümmert. «Sie war eine sehr pragmatische Frau», so Carlen über seine Mutter.
Seine Eltern haben ihn in seiner Laufbahn stets unterstützt, ihn gar ermutigt, Gesang zu studieren. Seinen Werdegang beschreibt Norbert Carlen als «nicht ganz einfach». Er war verträumt und verschlafen. Als Handwerker war er nicht erfolgreich, da er «zwei linke Hände» habe. Und als Akademiker sah er sich nicht, weil er eher schwer gelernt habe. «Das hat mich belastet, was meine Eltern wussten.» Bereits als Kind sang er als Knabensopran in Bellwald. «Anscheinend war das gut», sagt Norbert Carlen heute. Er könne das aber nicht beurteilen. «Ich habe ja keine Aufnahmen davon.» Letztlich ging Carlen aber ans Konservatorium Sitten, später nach Bern und studierte Gesang und Chorleitung. Und rückblickend sagt er, das Singen sei der eigentliche Schlüssel für seinen Werdegang als Musiker gewesen.
Sprachbarrieren verbinden – bis hin zur Ehe
Carlen stieg verhältnismässig spät in die professionelle Musik ein. Notenlesen lernte er mit 17. Er sei voller Selbstzweifel und Komplexe gewesen, das Selbstvertrauen entsprechend klein. «Singen hat mich gerettet – ich habe viel dadurch erlernt, etwa, mich zu präsentieren.» Wenig überraschend sagt Norbert Carlen, dass er seinen Job nie als solchen gesehen habe. Es sei sein Beruf. Aber als Berufung will er die Musik für ihn nicht sehen – «ich weiss ja nicht, ob ich dazu berufen bin.»
In seiner Zeit am Konservatorium Sitten lernte Carlen auch seine Frau Beatrice kennen, ebenfalls Sängerin. Es war die sprachliche Hürde, welche die beiden zusammenbrachte. Denn obwohl Carlen in Siders aufwuchs, sprach er bis zum 16. Lebensjahr praktisch kein Französisch. «Und so haben Beatrice und ich einander geholfen», sagt Norbert Carlen. Mittlerweile sind sie seit über 40 Jahren verheiratet und haben drei Kinder – zwei Söhne und eine Tochter – sowie fünf Grosskinder.
Rückblickend sagt Norbert Carlen, dass seine Frau und er eher strenge Eltern waren. Den Zusammenhalt in der Familie halten die Carlens bis heute hoch. Eines hätten sie ihren Kindern immer mitgegeben: einander so lange es geht unterstützen – «denn das Leben ist eine ewige Auseinandersetzung», so Norbert Carlen. Am Ende des Tages stehe man mit seinen Entscheidungen immer allein da. «Menschen können dich beeinflussen, aber entscheiden musst du selbst.»
Entschieden hat nun auch Norbert Carlen. Seine Zeit beim Ensemble Sierrénade geht zu Ende. Dass ihm die vergangenen Jahre gelungen sind, begründet Norbert Carlen in drei Punkten und fasst die letzten drei Jahrzehnte darin zusammen.
Erfolgsrezept in drei Punkten
Seinen Beruf habe er immer gemocht, «deshalb wollte ich ihn weitervermitteln». Er habe immer in guter Harmonie arbeiten können, «dann kann ich viel geben und mich voll und ganz in den Dienst einer Sache stellen». Und zu guter Letzt sei er dankbar, dass er so viel machen durfte, «aber das haben wir gemeinsam gemacht».