Der sibirische Pianist Sergey Tanin über Musik und seine Heimat Russland. Am Freitag tritt er in Ernen auf.
«In einem gewissen Sinne ist klassische Musik näher bei den Menschen als Taylor Swift», sagt Pianist Sergey Tanin. Zuvor hat er während mehrerer Minuten versucht, den Erfolg der Popsängerin Swift, welche diese Woche in Zürich auftritt, zu erklären – wohl auch sich selbst. Er sagt: «Ich habe mehrmals versucht zu verstehen, warum sie so populär ist.» Er habe kürzlich eine interessante Meinung gehört, dass sich die Fans in den Songtexten wiedererkennen. Und auch dass Swift eine solch grosse Show auf die Bühne bringe, respektiere er als Künstler sehr.
Tanin sitzt an diesem Morgen in der Basler Bahnhofshalle. Vor ihm steht ein Kaffee. Zwei davon brauche er morgens, so der Preisträger des internationalen Klavierwettbewerbs Géza Anda in Zürich. Momentan bereitet er sich auf ein Konzert am kommenden Freitag im Musikdorf Ernen vor. Zum vierten Mal tritt der russische Pianist heuer im Goms auf.
Geboren wurde Sergey Tanin weitab von Basel, Zürich oder Ernen – nämlich fast 10’000 Kilometer weiter östlich in Jakutien, Sibirien. In seinem Elternhaus lief immer Musik jeglicher Art. Auf einem Spielzeugklavier zeigte Tanin bereits als kleines Kind Interesse an dem Tasteninstrument, und mit fünf Jahren erhielt er in seiner russischen Heimat den ersten Klavierunterricht. Danach zog er auf Empfehlung seiner damaligen Klavierlehrerin weiter an die Musikschule in Jakutsk, einer mittleren Stadt mit rund 270’000 Einwohnern, welche als kälteste Grossstadt des Planeten gilt.
Von Scheitern und Weitergehen
Früher, so Sergey Tanin, hätte er wohl noch gesagt, dass ihn das raue Klima Sibiriens geprägt hat. Dass es ihn stärker gemacht, ihm einen gewissen Biss mitgegeben hat. «Doch nach dem Weg, den ich gegangen bin, würde ich sagen, dass das keine Rolle gespielt hat.» Am Schluss gehe es um die Musik, um ganz klare berufliche Anforderungen. «Und wenn man unseren Beruf ernst nimmt, dann spielt es keine Rolle, wo man das tut.» Nachdem Sergey Tanin das gesagt hat, verliert er sich in seine Gedanken. Er überlegt.
«Musik», beginnt Sergey Tanin weiterzureden, «hat mich immer interessiert. Es war mir sofort klar: Das ist es, was ich machen will.» Deshalb sei er sich nicht sicher, ob es wirklich das sibrische Klima war, das ihm den nötigen Durchhaltewillen verliehen hat. Und diesen brauchte er. Denn auch bei Sergey Tanin verlief nicht alles nach Plan.
Für Sergey Tanin war die Schule in Jakutsk noch nicht genug, er wollte weiter. Und er wusste bereits als Zehnjähriger ganz genau wohin: an die Zentrale Musikschule des Moskauer Konservatoriums. Eine Talentschmiede für russische Musikerinnen und Musiker: Mikhail Pletnev, Katia Tchemberdji oder Denis Matsuev sind einige der berühmten Absolventen der Schule. Seit 2019 zählt auch Tanin dazu.
Auf Stolpersteine angesprochen, reagiert der Pianist zuerst etwas verlegen – er verschränkt seine Arme vor der Brust und schaut auf den Boden. Insbesondere ein Erlebnis blieb ihm im Kopf hängen. Er spreche nicht gerne darüber, sagt Tanin. Bereits mit vierzehn Jahren wollte er an die Zentrale Musikschule in Moskau. Aus eigenen Stücken, wie er sagt. «Mit meiner Mutter fuhr ich den weiten Weg von Jakutsk nach Moskau. Und ich habe die Prüfung nicht bestanden.» Seine Mutter Svetlana schlug vor, dass Sergey sich vielleicht etwas anderes überlegen sollte. Für Tanin kam das nicht infrage. Er beschreibt sich als stur. Was er nach der gescheiterten Aufnahmeprüfung gleich unter Beweis gestellt hat.
Sergey Tanin sagt, dass er an der Aufnahmeprüfung gescheitert sei, zeige nicht, dass er ein schlechterer Musiker sei oder war. Und das dürften auch die Jury-Mitglieder der Aufnahmeprüfung zwei Jahre später so gesehen haben: Sergey Tanin wurde schliesslich doch noch an der Zentralen Musikschule des Tschaikowsky Konservatoriums in Moskau angenommen, mit Bestnote. Heute sagt er über die Erfahrung: «Ich habe dadurch ziemlich früh realisiert, dass, wenn man hart arbeitet und alles etwas reifen lässt, man doch noch weiterkommt im Leben.»
Die Sehnsucht nach der Heimat in Russland
Mit Auszeichnung beendete er sein Studium bei Irina Plotnikova am Tschaikowsky Konservatorium. Doch wie könnte es anders gewesen sein: Sergey Tanin wollte noch weiter ziehen – obwohl er Absolvent einer der renommiertesten Musikschulen der Welt war und an grossen Wettbewerben wie dem Concours Géza Anda Preise gewann. Er studierte an der Musikakademie bei Claudio Martínez Mehner in Basel weiter.
Seine Mutter sagte einst über ihren Sohn, er sei bereits als Kind sehr neugierig gewesen. Habe alles wissen wollen und sich die kyrillische Schrift selbst beigebracht. Es dürfte diese Neugierde gewesen sein, die den damals 25-jährigen Sergey Tanin nach Basel gebracht hat. Nach den acht Jahren bei Irina Plotnikova habe er nach einem neuen Zugang zu Musik gesucht, so Tanin. Europa oder Amerika hätten ihn als Studienorte interessiert. «Dann war ich bei Martínez Mehner und habe nichts verstanden, was er zu mir sagte – ich wusste: Das ist etwas Interessantes, das möchte ich.» Tanin ist überzeugt, dass es in seinem Beruf nie ein Ende gebe – «du lernst durchgehend. Es gibt immer andere Denkweisen und Perspektiven». Das Studium in Basel hat Sergey Tanin mittlerweile abgeschlossen. Zurück in Russland war er seitdem aber immer noch nicht – obwohl dies geplant war.
Eigentlich hätte Sergey Tanin nach seinem Abschluss in Basel Assistent bei seiner ehemaligen Professorin am Moskauer Konservatorium werden sollen. Dann kam Corona. Und der russische Angriff auf die Ukraine. Tanin hat sich sehr früh davon distanziert – «der Krieg ist furchtbar, und wer ihn begonnen hat, ist immer schuld. Da gibt es keine Halbtöne». Es gebe für ihn Russland als seine Heimat und jenes von Putin. «Das kann ich gut trennen. Putins Russland ist nicht meines.» Sergey Tanin sagt, diese Trennung habe ihm bei allem, was geschehen ist, sehr geholfen und helfe ihm noch immer. Denn: «Der Krieg ist nicht fertig, es ist genauso schlimm wie vor zwei Jahren.»
Sergey Tanin würde gerne zurück nach Hause, seit drei Jahren war er nun mittlerweile nicht mehr in Russland. Jakutien werde immer seine Heimat und ein wichtiger Ort bleiben – auch wenn er verstehe, so Tanin, dass es zurzeit schwierig sei, zurückzukehren. In der Schweiz macht Sergey Tanin wenige schlechte Erfahrungen aufgrund seiner Herkunft. Er sagt, dass die Menschen hier ebenfalls den Unterschied zwischen Putins Russland und jenes der Russen machen würden. «Natürlich gibt es Menschen, die das anders sehen, die mich aufgrund meines Passes verurteilen. Aber ich will ihnen nichts beweisen – wenn Menschen schwarz-weiss denken, ist mir das immer suspekt.»
Auch russische Musik schliesst Sergey Tanin nach dem 24. Februar 2022 nicht kategorisch aus. Er sagt: «Komponisten wie Tschaikowsky, Shostakovich oder Prokofiev haben mit diesem Krieg nichts zu tun.» Deshalb finde er es falsch, russische Musik aus den Programmen zu verbannen. Mit einer Ausnahme, wie er sagt: «Wenn es überhaupt möglich ist, momentan in der Ukraine Konzerte zu spielen, kann ich es nachvollziehen, dass man keine russische Musik aufführt.» Und einem ganz bestimmten russischen Komponisten fühlt sich Sergey Tanin aufgrund der momentanen Situation näher.
«Ich will nicht gefallen»
Nämlich Sergej Rachmaninow. Der russische Komponist, Pianist und Dirigent verliess während der Revolution im Jahr 1917 Russland und liess sich 1930 im Kanton Luzern nieder. Sergey Tanin sagt, dass er durch seinen Aufenthalt in der Schweiz während des Kriegs in der Ukraine vieles aus Rachmaninows Leben verstanden habe. «Früher wirkte das alles wie eine verstaubte Geschichte auf mich», so Tanin. Er sieht sich nichtsdestotrotz in einer vorteilhafteren Lage als seinen Landsmann Rachmaninow. «Rachmaninow war bereits ein geprägter Mensch, als er seine Heimat verliess. Ich war gerade mal 23 Jahre alt.» Zudem, so Tanin, sei er in einem relativ freien Land aufgewachsen. Relativ deshalb, so Tanin, weil er viel reisen und andere Kulturen kennenlernen konnte und auch immer wieder zurückgehen nach Russland.
Nach bald fünf Jahren fühlt sich Sergey Tanin in der Schweiz gut integriert. Er habe seine Freunde und sein Leben hier. Und dazu gehört sicherlich auch das Musikdorf Ernen. Am Freitag präsentiert er dort ein Programm mit Werken von Soler, Mason, Schumann und Barber. «Es passt zu dem Motto des Musikdorfs – Feuer und Flamme», sagt Sergey Tanin. Insbesondere Schumanns ambivalente Stimmung würde gut in die heutige Zeit passen, so der Musiker.
Mit Christian Masons «The Earth: Her Dance» steht ein Werk des diesjährigen Composers in Residence auf dem Programm. Komponiert hat Mason das Werk in den Jahren 2018 und 2019. Sergey Tanin sagt, wenn man neues Publikum in die Konzertsäle bringen wolle, so müsse man auch etwas Neues anbieten. «Ich glaube», so Tanin, «dass viele schon müde sind von den bisher oft gespielten Werken.» Er wolle das Publikum mit zeitgenössischen Werken nicht überraschen – «ich spiele diese Musik, weil es mich glücklich macht, sie zu spielen».
Dasselbe gelte für die Werke von Antonio Soler, wie Sergey Tanin sagt. «Ich mag Barock-Musik und Solers ‹Fandango› könnte ich stundenlang spielen!» Antonio Soler kann als Seltenheit im Konzertrepertoire bezeichnet werden. Und das reizt Sergey Tanin. Soler sei kein Bach oder Händel. Aber wenn man seine Werke im Konzert höre, so finde man vielleicht Gefallen daran – und höre sich zu Hause weitere Werke von ihm an. «Das Programm mag vielleicht nicht perfekt sein, aber es bietet dem Publikum vieles an.»
In Ernen fühle er sich wohl. Die Natur inspiriere ihn – und das überall, wo er hingehe. Auch das Engadin gefalle ihm sehr gut, sagt Tanin begeistert. Die Kälte und die Berge würden ihn an seine Heimat erinnern. Ob er jemals zurückkehren wird? «Es kann sich sehr bald oder auch in einem Jahrzehnt etwas ändern. Aber ja natürlich, es ist keine Frage, dass ich wieder in meine Heimat zurückkehre. »
Dieser Text ist zum ersten Mal im Walliser Boten vom 8. Juli 2024 erschienen.