Das stationäre Zentrum Via Gampel von Sucht Wallis arbeitet 2024 mit dem Open Air Gampel zusammen. Die Patienten helfen beim Aufbau mit und werden als Therapie das Festival besuchen. Ein Festivalbesuch der anderen Art.
Frédéric und Juan laufen auf dem Holzschnitzelweg auf ein Schild zu. «Sali zämu» steht darauf geschrieben. Es ist der Eingang zum Open Air Gampel. Die beiden Männer freuen sich auf den Besuch des Festivals. Für sie ist er aber nicht wie für die rund 25’000 anderen Festivalgänger an diesem Tag. Frédéric ist alkoholkrank, Juan ist seit vielen Jahren von verschiedenen Substanzen abhängig. Zurzeit sind die beiden Patienten in der Entzugsklinik Via Gampel. Als Teil ihrer Therapie besuchen sie gemeinsam mit den anderen Patienten das Open Air und halfen bereits beim Aufbau mit. Der «Walliser Bote» hat sie dabei begleitet.
Teil des Teams
Montagnachmittag, gegen 15 Uhr, die Sonne brennt auf die Gampjer Industriezone. Zahlreiche helfende Hände packen an, wo es nötig ist. Unter ihnen sind auch Frédéric und Juan. Sie richten den Backstage-Bereich der Künstler ein. Von Montag bis Mittwoch arbeiten die beiden Patienten des Via Gampel am Aufbau mit. Frédéric schätzt die Arbeit am Open Air Gampel. «Ich finde das Projekt eine gute Idee. Wir gehen raus und haben so etwas Abwechslung», so Frédéric. Juan pflichtet ihm bei. «Es ist interessant, mal wieder an einem Festival dabei zu sein.»
Christian Rieder ist Leiter des Sektors Oberwallis bei Sucht Wallis. Er sagt, die Zusammenarbeit mit dem Open Air habe zwei Ziele. Zum einen wolle Sucht Wallis, die die Institution betreibt, an der Inklusion von suchtkranken Menschen arbeiten. Sucht ist eine Krankheit. Keine Krankheit treffe jedoch auf so viele Vorurteile wie Sucht, so Rieder. Um diese Vorurteile abzubauen, müsse man ihr ein Gesicht geben und Betroffene ins Geschehen einbeziehen. «Manchmal wird der Suchttherapie vorgeworfen, wir seien ab von der Gesellschaft», sagt Rieder. Da das Behandlungszentrum rund einen Kilometer vom Festivalgelände entfernt ist, sei für ihn klar gewesen: «Wir müssen zusammenarbeiten.»
Die Organisatoren des Festivals haben nicht eine Minute gezögert, wie Damian Schnydrig sagt. Er ist verantwortlich für die Nachhaltigkeit am Open Air. Dies beinhalte auch die soziale Nachhaltigkeit, so Schnydrig. 2021 hat das Open Air Gampel coronabedingt als eines der wenigen grossen Festivals der Schweiz stattgefunden. «Wir mussten uns neu erfinden», so Schnydrig. Da sei das Thema aufgekommen, dass neben ökologischer, auch die soziale Nachhaltigkeit ein Thema sein müsse. Schnydrig sagt: «Darin wollen wir ein Leader sein.»
Dieses Jahr arbeitet das Festival deshalb im Aufbau mit MitMänsch Oberwallis und Sucht Wallis zusammen. Die Organisatoren des Festivals erhalten von Rieder deswegen viel Lob und Glückwünsche. Es handle sich nicht nur um einen Slogan, der auf Plakate gedruckt werde. «Gampel ist gelebte Inklusion», so Rieder. Schnydrig bestätigt dies, während er zu Frédéric und Juan sagt: «Ihr seid Teil des Teams!» Die Dankbarkeit bei den beiden ist spürbar. Das Open Air Gampel bringe ihnen grosses Vertrauen entgegen, so Frédéric. Als suchtkranke Person habe man einen Stempel aufgedrückt erhalten. Die Leute hätten Angst. «In Gampel aber», so Frédéric, «sind wir Teil der Gruppe.»
Von Entscheidungen und Fehlern
Ein zweites Ziel der Zusammenarbeit ist die Erprobung der Abstinenz. Am Donnerstag und Freitag werden die Patienten das Festival besuchen. Damit wolle man ihnen Selbstvertrauen schenken, so Rieder. «Wenn man am Open Air Gampel abstinent bleibt, so schafft man das überall.» Nach dem Besuch am Festival werden die Patienten einen Alkohol- und Drogentest machen müssen.
Rieder sieht den Besuch nicht als Spiel mit dem Feuer. Einerseits sei der Besuch des Festivals fakultativ. Andererseits habe Sucht Wallis eine Risikoanalyse gemacht und das Open Air Gampel sei informiert. Zudem werden die Patienten stets von Betreuerinnen und Betreuern begleitet.
Im Vorfeld wurde mit den Patienten Präventionsarbeit geleistet. Die Strategien, die in der Therapie erlernt werden, müssen auch ausprobiert werden, so Rieder. Das Zentrum sei eine geschützte Insel. Es sei einfacher, dort abstinent zu bleiben. Deshalb sei die Konfrontation am Open Air wichtig. Juan bestätigt dies. «Wir müssen lernen, uns mit der Sucht zu konfrontieren. In der Realität lauern immer Versuchungen, damit muss man lernen umzugehen», sagt Juan. Frédéric sagt, dass bereits zu Hause Gefahren lauern. Dort seien die Patienten ebenfalls ohne Hilfe.
Mit Hinblick auf den Donnerstag fühlen sich die beiden sicher. Es fühle sich zu Beginn sicher komisch an, am Open Air nicht ein Bier zu bestellen. «Dann wird es aber bestimmt normal», so Frédéric. Er freut sich, das Festival zu besuchen. Er habe keine Angst davor, sich inmitten von alkoholisierten Festivalgängern wiederzufinden. Er habe damals, als er mit dem Trinken angefangen hat, eine Entscheidung getroffen. Ob diese gut oder schlecht sei, sei dahingestellt. «So ist es auch heute noch. Ich habe mich entschieden, mit dem Trinken aufzuhören.» Auch am Open Air sei es seine Entscheidung, ob er trinke oder nicht.
Grosses Vertrauen
Donnerstagnachmittag, kurz nach 15.00 Uhr, Frédéric und Juan haben soeben die Gruppentherapie zur Vorbesprechung des Besuchs am Open Air beendet. Zu Fuss gehen sie los. Sie freuen sich. Sie witzeln. Auch über ihre Krankheit – trockener und dunkler Humor ist bei den beiden Pflicht.
Am Eingang angekommen, fühlen sich die beiden gut und sicher. Was würde ein Rückfall für sie bedeuten? Frédéric sagt, damit würde er das Vertrauen, das ihm das Via gebe, missbrauchen. «Das will ich nicht.» Gemeinsam mit den anderen Patienten erhalten die beiden ein Raclette und eine Führung durch den Sicherheitsposten des Festivals. Sie sind zufrieden.
Auf dem Gelände geht Frédéric zur Toilette. Dort sei ihm ein stark torkelnder Besucher entgegengelaufen. Wie fühlt er sich, wenn er das sieht? «Natürlich tut mir das weh im Herzen. Aber auch er hat die Entscheidung zu trinken selber getroffen.» Juan sagt, ihm bereite das viel Mühe, zu sehen, wie andere unter dem Einfluss von Substanzen leiden. Er wünscht ihnen, dass sie die Kraft finden, sich Hilfe zu holen, falls ein Problem vorliege. Die ganzen Versuchungen am Open Air stören die beiden nicht. Juan wird die Nacht sogar auf dem Campingplatz des Open Air verbringen.
An der Bar bestellen sie einen Energydrink und einen Eistee. «Ein ganz normales Gefühl», wie sie sagen. Dennoch sagt Frédéric, man müsse sich nichts vormachen. «Ich bin Alkoholiker und bleibe es auch.» Juan sagt, die Krankheit Sucht begleite einen ein Leben lang. «Man hört nur auf, sie zu nähren.» Damit es nicht zu einer Reizüberflutung kommt, verlassen die beiden das Open Air gegen 19.00 Uhr. Mit einem guten Gefühl. Beim Verlassen des Geländes erblicken die beiden eine Person, die am Wegrand schläft. Sichtlich alkoholisiert. «Wir sind froh, dass wir das hinter uns haben.»
Dieser Text ist zum ersten Mal im Walliser Boten vom 18. August 2023 erschienen.