Florence Schnydrig Moser: «Die Hälfte der Bevölkerung ist in den Führungsgremien unterrepräsentiert»


Am Donnerstagabend spricht Florence Schnydrig Moser, Leiterin Privat Banking Zürcher Kantonalbank, im Theatersaal des Kollegiums Brig. Zuvor im grossen Interview mit dem «Walliser Boten».

Die erste und bislang einzige Frau in der Generaldirektion der ZKB: die Oberwalliserin Florence Schnydrig Moser. Bild: zvg

Florence Schnydrig Moser, erinnern Sie sich noch an den 19. März 2023?

Wer tut das nicht? Ich war unterwegs nach Hause mit meinem Sohn, nach einem Skirennen in Melchsee-Frutt. Dann habe ich in den Nachrichten erfahren, dass es real ist: Die Credit Suisse wird es zukünftig in der uns bekannten Form nicht mehr geben.

Sie sind seit 2021 Leiterin des Private Banking der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Von 2000 bis 2018 arbeiteten Sie selbst bei der Credit Suisse. Wie hat sich das Bankenwesen seit dem 19. März 2023 verändert?

Da gibt es verschiedene Dimensionen. Alle haben es sehr bedauert, dass das überhaupt geschehen ist. Viele Bankenvertreter haben entweder selbst einmal bei der Credit Suisse gearbeitet oder kennen viele Mitarbeitende der Bank. Niemand konnte sich wirklich darüber freuen, dass das Geschäftsvolumen der CS verteilt wird. Und tatsächlich floss das Geschäftsvolumen verschiedenen Finanzinstituten zu.

Woran lag das?

Es war schon vor dem Ende der Credit Suisse bekannt, dass gewisse Kundinnen und Kunden, Unternehmen und Private, sowohl Bankbeziehungen zur UBS als auch zur CS unterhielten. Und die entsprechenden Kunden wollten auch weiterhin zwei Bankbeziehungen haben. Das heisst, sie wollten weiterhin eine Diversifizierung ihrer Bankgeschäfte

Wie hat sich der Markt für die ZKB verändert?

Betrachtet man den Schweizer Markt, gibt es neben der UBS heute nur noch eine Universalbank, welche alle Geschäftsfelder abdecken kann: Das sind wir. Wir sind, je nach KPI, die man betrachtet (Anm. d. Red. KPI sind die Key Performance Indicators, an denen die Leistung von Aktivitäten in Unternehmen ermittelt werden kann.), die zweitgrösste Universalbank der Schweiz. Heute sind wir häufig mit der UBS die erste Wahl.

Hat sich für die Mitarbeitenden auf dem Arbeitsmarkt etwas verändert?

Die UBS, die CS sowie die ZKB nahmen als Universalbanken am Bankenplatz Zürich eine grosse Rolle in der Ausbildung wahr. Von Lernenden über Uni-Abgängerinnen und Quereinsteiger – wir haben alle Profile ausgebildet. Nun fällt die CS als Ausbildnerin weg.

Die ZKB fuhr im vergangenen Jahr ein Rekordergebnis ein. Da fällt es schwer zu glauben, dass sich niemand daran freuen konnte, dass das Geschäftsvolumen der CS neu verteilt wurde.

Es stimmt, wir verzeichneten im vergangenen Jahr ein Rekordergebnis und wir haben ein grosses Wachstum, was Neukundinnen und Neukunden betrifft. Aber wir wachsen seit Jahren – und zwar kontinuierlich und stabil. Und es ist nichts Aussergewöhnliches, dass sich das Geschäftsvolumen der ehemaligen CS auf verschiedene Finanzinstitute verteilt hat. Was im Jahr 2023 nicht zu unterschätzen war: Die Zinsbewegungen hatten einen grossen Einfluss auf das Geschäftsergebnis – im letzten Jahr war unser Zinsergebnis aussergewöhnlich hoch.

Kantonalbanken gelten als vertrauenswürdig und weniger spekulationsfreudig. Hat nach dem Ende der CS das Bedürfnis der Kundschaft nach entsprechenden Banken zugenommen?

Es war in Zeiten der Krisen und Unsicherheiten immer schon so, dass die Kundinnen und Kunden bei der ZKB Zuflucht suchten. Denn wie rund die Hälfte der Kantonalbanken sind wir nicht börsenkotiert und gehören dem Staat. Aber auch abgesehen von der Staatsgarantie sind wir sicher, stabil und langfristig orientiert. Wir hatten in 150 Jahren weder einen Verlust noch einen Skandal. Unsere Arbeitsweise wäre als börsenkotiertes oder Partner-geführtes Unternehmen in dem Mass nicht möglich.

Gibt es etwas, was die ZKB nach dem Ende der CS angepasst hat, um beispielsweise das Vertrauen der Menschen in Banken zurückzugewinnen?

Wir mussten unsere Strategie nicht anpassen. Selbstverständlich beobachten wir stets, was rund um uns geschieht, und halten uns an die regulatorischen Vorgaben der FINMA. Aber unsere Art und Weise zu funktionieren, hat sich mittlerweile etabliert und brauchte nach dem Ende der CS keine Veränderungen.

Immer wieder sorgen die Vergütungen, Boni, im Bankensektor für Gespräche. Die ZKB entschied sich, diese auf dem Stand von 2022 zu plafonieren, sprich zu deckeln. Also bereits vor dem Aus der CS. Spielte dies dennoch eine Rolle?

Es ist schwierig zu sagen, wie sehr die CS-Geschichte die Diskussion im Kanton Zürich beeinflusst hat. Der Kantonsrat machte bei Löhnen an kantonalen Spitälern beispielsweise und in anderen Diskussionen klar: Die Löhne dürfen nicht ins Unendliche wachsen. Da unsere variable Vergütung vom Gewinn abhängig ist, war dieses Thema im Kantonsrat aufgrund unserer guten Geschäftszahlen bereits länger präsent. Das Bewusstsein in der Politik war also da – dass die Diskussion parallel zum CS-Fall lief, war Zufall.

Würden Sie sich eine Plafonierung bei mehr Banken wünschen?

Es wäre vermessen von mir, das zu sagen. Übrigens gibt es andere Sektoren, die ebenfalls sehr hohe Managerlöhne haben.

Haben Sie das Gefühl, dass die Medien und die Bevölkerung die Banken manchmal zu stark in den Fokus rücken und in die Pflicht nehmen?

Nicht alle Sektoren erhalten die gleiche Aufmerksamkeit und nicht alle erhalten die gleiche Kritik von den Medien. Das ist so.

Hand aufs Herz: Hat es Sie gewurmt, als die ZKB die Vergütungen gedeckelt hat?

Sicher nicht! (lacht) Aber ich nehme an, das ist auch keine ernst gemeinte Frage.

Oft sprechen Medien und Menschen ausserhalb des Bankensektors über die hohen Boni und Löhne. Niemand aber mit den Bankerinnen und Bankern. Verdienen Bankangestellte die hohen Vergütungen?

Der Arbeitsmarkt, die Konkurrenz – weltweit betrachtet – hat einen grossen Einfluss auf die Entlöhnung, unabhängig von unserem Empfinden. Wir orientieren uns am Markt. Es gibt Industrien und Sektoren, in denen die Mitarbeitenden unterschiedlich bezahlt werden. Statistiken zeigen die Unterschiede zwischen den Sektoren auf. Der Bankensektor gehört sicherlich zu den besser bezahlten. Aber wie gesagt, es gibt auch andere Sektoren, die sehr gut bezahlen. Der Markt spielt und das ist die Welt, in der wir uns bewegen. In diesem Sinne würde ich das so einordnen: Wenn der Markt richtig spielt, sind die Vergütungen gerechtfertigt.

Zur Person

Florence Schnydrig Moser wurde 1972 geboren und wuchs in Lalden auf. Nach der Matura am Gymnasium Brig studierte sie Mathematik an der ETH Lausanne (EPFL) und absolvierte die Ausbildung zum Chartered Financial Analyst (CFA). Von 2000 bis 2018 war Florence Schnydrig Moser bei der Credit Suisse in verschiedenen Funktionen im Private-Banking-Umfeld tätig – unter anderem in Zürich, Australien und Hongkong. Danach leitete sie als CEO die Swisscard AECS GmbH in Horgen. Im Jahr 2021 wurde Schnydrig Moser als erste Frau in der Geschichte der ZKB zum Mitglied der Generaldirektion ernannt. Sie leitet die Geschäftseinheit Private Banking. Schnydrig Moser ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Sie sind die einzige Frau unter den acht Personen der Generaldirektion der ZKB. Wie beeinflusst das Ihren Alltag?

Ich war 2021 die erste Frau, die in 150 Jahren ZKB in diese Etage aufstieg. Und nach wie vor bin ich die einzige. Natürlich hat das einen Einfluss auf meinen Alltag. Man weiss aus Studien, dass eine Minderheit als solche wahrgenommen wird, wenn sie weniger als 30 Prozent einer Gruppe repräsentiert. Und auf Minderheiten reagiert man anders und hört ihnen anders zu – auch das zeigen die Studien. Oft sagt man deshalb, man müsse bei Minderheiten rund 30 Prozent Vertretung erreichen. Das reicht über die Frauen hinaus – es gibt zahlreiche Minderheiten. Aber als eine von acht stelle ich längst nicht 30 Prozent.

Wie merken Sie das?

Nicht selten bin ich in Meetings die einzige Frau. Ich bringe als Person und mit meinem Geschlecht eine andere Perspektive und Art und Weise in das Gremium. Auch wenn ich sehr gut damit umgehen kann, da ich mich daran gewöhnt habe: Ich wünsche mir, dass sich das bald ändert.

Ihr Vortrag vom Donnerstag in Brig steht unter dem Titel «Die Rolle der Banken in der Gesellschaft»…

Den Titel habe ich deshalb gewählt, weil ich finde, dass Banken in den Medien zum Teil zu negativ dargestellt werden – wie auch Sie es vorhin angesprochen haben. Deshalb ist es mir wichtig, den Blickwinkel wieder etwas zu ändern. Banken leisten einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft. Dabei geht es um Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und Wirtschaftswachstum. Wir helfen nicht nur Unternehmen, sondern beraten Privatpersonen, wie sie ihr Leben finanziell optimal gestalten und Wünsche erfüllen können.

Spielt der Bankensektor in der Gleichstellung eine Vorbildrolle?

Die Hälfte unserer Bevölkerung ist weiblich. Und damit in den Führungsgremien der Banken unterrepräsentiert. Aber auch in der Beratung ist es mir wichtig, dass wir eine Vorbildfunktion einnehmen. Dass wir dort mehr Frauen haben, die andere Frauen dabei unterstützen, sich um ihre finanzielle Situation zu kümmern.

Kümmern sich Frauen weniger darum als Männer?

Finanzielle Vorsorge ist für Frauen wichtiger als für Männer. Denn im Schnitt verdienen Frauen weniger. Dasselbe gilt beim Investieren – Frauen investieren häufig defensiver als Männer. Und schliesslich leben Frauen im Schnitt länger. All diese Faktoren führen dazu, dass es Frauen in der Pension oft schlechter geht als den Männern. Man könnte mehr dagegen unternehmen. Und da sehe ich eine wichtige Rolle bei mir als Führungsperson, aber auch bei meinem Team. Männern und Frauen. Es ist wichtig, Frauen zu motivieren, ihre finanzielle Unabhängigkeit in die Hand zu nehmen.

Was unternimmt die ZKB konkret, um Frauen zu unterstützen?

Wir haben angefangen, Gefässe zu schaffen, in denen Frauen zu Frauen reden und in den entsprechenden Themen ausbilden. Dieser Austausch wird als sehr wertvoll empfunden.

Sind Sie in Ihrer Zeit in der Bankenbranche auf Vorurteile gestossen, weil Sie eine Frau sind?

Absolut. Es ist sehr schwierig, als Vertreterin einer Minderheit unterwegs zu sein. Man muss sich mehr beweisen, es wird einem häufig weniger zugetraut. Unterbewusste Vorurteile haben wir alle – auch Frauen gegen Frauen. Daher denke ich durchaus, dass es für Frauen in der von Männern dominierten Bankenwelt nach wie vor schwierig sein kann.

Immer wieder hört und liest man, Diversität wirke sich nicht auf die Ausführung der Geschäfte aus.

Es ist durch genügend Studien bewiesen, dass Teams mit einer hohen Diversität anders interagieren, kreativere Lösungswege sowie andere Blickwinkel haben. Ganz einfach gesagt: Sie kommen zu besseren Lösungen. Das ist bewiesen. Und dabei zählt nicht nur die Geschlechter-Diversität. Es zählt auch jene der Altersgruppe oder des Backgrounds. Zudem bin ich der Meinung, dass ein Unternehmen reflektieren muss, welche Kundschaft es bedient: Wenn 50 Prozent davon Kundinnen sind, wie soll sich ein rein männliches Führungsgremium in deren Bedürfnisse hineinfühlen? Das liegt auf der Hand.

Was können die männlichen Wirtschaftsvertreter tun, um Frauen in der Branche zu fördern?

Ihre Töchter, Nichten und Cousinen dazu motivieren, ebenfalls in die Wirtschaftsbranche einzusteigen. Denn Wirtschaft und Banking ist für Frauen genauso spannend wie für Männer.

Sie sind verheiratet, haben zwei Kinder und machten Karriere. Was ist Ihr Tipp an junge Frauen, um zu zeigen, dass Familie und Karriere vereinbar sind?

Da könnten wir stundenlang darüber reden. Das Wichtigste für junge Frauen ist: Seid selbstsicher und traut euch etwas zu. Aber auch passende Strukturen sind sehr wichtig. Sie müssen es möglich machen, dass man seine Ziele erreichen und Wünsche verfolgen kann. Das bedeutet: die richtige Partnerwahl und eine passende Unterstützung für Kinder – egal ob Kita, Nanny oder Grosseltern. Es darf nicht alles an der Mutter hängen bleiben. Ich habe drei Jahre in Australien und zwei Jahre in Hongkong gearbeitet und gelebt. In diesen Ländern und in allen, die ich auf Geschäftsreisen besucht habe, ist die Vereinbarkeit von Familie und Karriere bei Frauen ein viel kleineres Thema.

Weshalb?

In diesen Ländern kennt man andere Strukturen und ein anderes Selbstverständnis der Mutter. In der Schweiz ist das Gefühl, nur die Mutter sei gut für die Kinder, tief verankert. An dieser Einstellung muss man arbeiten. Es muss nicht sein, dass eine Mutter zu Hause die Hauptlast trägt. Und es ist meines Erachtens auch wichtig, dass Frauen nach der Familiengründung nicht zu lange Teilzeit arbeiten. Das ist verlorene Arbeitserfahrung. Es ist vergleichbar mit einem Profisportler, der für die Olympiade einzig 50 Prozent trainiert. In der Schweiz habe ich das Gefühl, dass zu viele Frauen zu lange in tiefen Teilzeitpensen arbeiten. Das hat übrigens auch riesige Folgen für die Pension.

Die berühmte «Gen Z» gewichtet die Work-Life-Balance sehr hoch und in diesem Zusammenhang auch das Teilzeitarbeiten. Klingt so, als ob für die Gen Z Karrieren nicht mehr möglich sind.

Da muss man den Begriff Teilzeit präzisieren: Oft will die Gen Z 80 Prozent arbeiten. Das hat unter anderem damit zu tun, dass eine 100-Prozent-Stelle in der Schweiz im Vergleich zu vielen anderen Ländern äusserst vielen Stunden entspricht. Wir arbeiten sehr viel hier – man kann argumentieren, dass unser wirtschaftlicher Erfolg darauf beruht. Aber die Realität ist, bei einem 80-Prozent-Pensum in der Schweiz arbeiten wir zum Beispiel ähnlich viel wie in einem 100-Prozent-Pensum in Skandinavien. 80 Prozent sehe ich daher nicht als Teilzeit – es ist eine andere Art der Prioritätensetzung. Wenn ich über Teilzeit rede, meine ich Pensen unter 50 Prozent. 60 ist die Grenze, wenn man noch sichtbar sein und in der Arbeitswelt etwas bewegen will.

Will die Gen Z etwas bewegen?

Wir haben viele junge Menschen bei uns angestellt. Da beobachten wir definitiv, dass sie etwas bewegen, weiter- und vorwärtskommen wollen.

Wenn Sie auf Ihre über 20 Jahre der Karriere im Bankenwesen zurückblicken, was hat sich verbessert?

Wir haben alle sicherlich sehr davon profitiert, dass wir viel flexibler geworden sind. Die Corona-Pandemie hat dabei einen Boost gegeben. Das flexible Arbeiten wurde Realität – ich kann mit meinem Laptop überall in der Schweiz zu jeder Zeit arbeiten. Und das macht es für Frauen einfacher. Aber auch für junge Väter und Menschen, die ältere Personen pflegen müssen. Als ich im Jahr 1998 in der Bankenbranche begonnen habe, war die Branche bedeutend männlicher und weniger divers. Zudem: Ich finde es unglaublich spannend, wie international der Bankensektor heute ist und mit welchen Veränderungen wir uns auseinandersetzen dürfen, wie beispielsweise Neobanken und Fintech-Unternehmen, die versuchen, neue Banking-Konzepte zu etablieren. Das führt letztlich dazu, dass wir agil bleiben und uns permanent an den Bedürfnissen unserer Kundinnen und Kunden ausrichten

Zum Schluss, nicht ganz ernst gemeint: Was möchten Sie dem Verwaltungsratspräsidenten der WKB, Pierre-Alain Grichting, sagen?

(lacht) So spontan ist das eine schwierige Frage für mich. Aber sicherlich, weiterhin gute Arbeit für das Wallis zu leisten. Das Wallis wird in Zürich nämlich unterschätzt.

Dieser Text ist zum ersten Mal im Walliser Boten vom 11. September 2024 erschienen.