Von der grossen Bühne zurück ins kleine Wallis


Die Unterwalliser Konzertpianistin Beatrice Berrut liebt ihre Heimat. Obwohl sie hier keine musikalische Inspiration findet. Was die Whisky-Liebhaberin trotzdem hier hält.

Beatrice Berrut hat bis heute eine leidenschaftliche Beziehung mit ihrer Heimat. Bilder pomona.media/ Alain Amherd

Beatrice Berrut sitzt leicht gebückt vor ihrem Grenadine-Sirup auf einer Gartenterrasse in Monthey. Morgen Samstag spielt die Konzertpianistin am Festival «Musikdorf Ernen» Mozarts neuntes Klavierkonzert in Es-Dur. 

Der Auftritt im Oberwallis hat Seltenheitswert. Denn Berrut, 38, ist heute eine international gefragte Konzertpianistin. Sie spielt in der Berliner Philharmonie oder im Teatro Coliseo in Buenos Aires. Und nicht zuletzt auch im wohl renommiertesten Konzertsaal der klassischen Musik: dem Wiener Musikverein. Trotz allem: Berrut wohnt und lebt heute in Monthey, ihrer Heimat.

«Das ist wohl der Fluch der Walliser», sagt Berrut und lacht. Unter dem «Fluch» versteht sie das Bedürfnis, immer wieder zurückzukehren. Ihre Beziehung zum Kanton sei eine leidenschaftliche. 

Das Wallis ist «bei ihr zu Hause». Im Jahr 2015 träumte sie in einem Interview mit dem «Walliser Boten» noch von Brüssel. Heute sagt sie, ihr fehle schlicht und einfach der Mut, irgendwo sonst als im Wallis zu leben.

Sie liebe ihre Heimat und fühle sich ihr sehr verbunden. Dennoch erklärt sie, dass das Wallis nicht der Antrieb ihrer musikalischen Inspiration ist. Diese finde sie im deutschen Thüringen oder in Wien – den kulturell dichteren Regionen Europas. 

Grosse Liebe zur deutschen Kultur

Dennoch, die 1985 in Monthey geborene Pianistin kehrt immer wieder in ihre Heimat zurück. Die Landschaft und die Berge tun ihr gut, sagt sie. Von früh an kam Beatrice Berrut mit Klavierklängen in Kontakt. Ihre Mutter spielte ihr und ihrer Schwester Aufnahmen wie Schumanns Kinderszenen stets zum Einschlafen ab. Im Alter von acht Jahren fing Berrut an, Klavier zu spielen. 

Den Entscheid, Konzertpianistin zu werden, hat ein Stück massgeblich beeinflusst: Johannes Brahms’ zweites Klavierkonzert. Als sie das Werk zum ersten Mal hörte, fällte sie ihren Entscheid. Im Interview mit dem «Walliser Boten» sagte Berrut gar: «Sobald ich Brahms’ Zweites gespielt habe, ist mein Leben vollendet.» 

Ihre Studien hat die Unterwalliserin in Lausanne, Zürich, Berlin und Dublin absolviert. Die Stationen in der Schweiz seien indes nicht entscheidend für ihre heutige Klavierkunst gewesen. «Alles, was ich als Pianistin und Musikerin heute kann und bin, habe ich mir in den sechs Jahren in Berlin angeeignet.» Die Entscheidung, in Berlin zu studieren, war aber nicht ein Entscheid gegen die Schweiz. Sondern für Deutschland.

Berrut gerät ins Schwärmen, wenn sie über Deutschland und dessen Kultur redet. Sie richtet sich auf, strahlt und erklärt: Von Kindesbeinen an habe sie von Deutschland geträumt. Deutsche Literatur, wie jene von Hermann Hesse, habe sie massgeblich geprägt. Zur französischen Kultur habe sie hingegen keine Affinität. Sie sei ihr zu intellektuell. 

Die Liebe zur deutschen Kultur widerspiegelt sich auch in Berruts Repertoire. Es reicht von Bach über Schumann und Brahms bis hin zu Schönberg. Beethoven findet sich in ihrem Repertoire jedoch nicht – obwohl der Bonner Komponist für viele als der grösste aller Zeiten gilt. Beethoven habe einen rauen Klangcharakter. Berrut sagt, ihr würden dazu die Kanten fehlen. Sie schmunzelt. 

«Deutsche Musik ist die meine», sagte sie 2018. Nach Berlin sei Dublin dann sozusagen noch der finale Schliff gewesen. 

Wenn Beatrice Berrut spricht, wirkt sie gelassen, fast abwesend. Doch sobald sie über Musik spricht, wirkt sie euphorisch, leidenschaftlich, gelangt ins Schwärmen. Ihre Liebe zu Deutschland wirkt plötzlich fade. Ihr Blick gleitet in alle Richtungen. Die Hände nicht mehr unter dem Tisch versteckt, die Gesten breit. Sie erinnern an die Musik und die Erscheinung Johannes Brahms’. 

Spricht Beatrice Berrut über Musik, wird sie leidenschaftlich im Ausdruck und breit in den Gesten.

Jener Brahms, der Berrut mit seinem kolossalen zweiten Klavierkonzert inspiriert hat, Pianistin zu werden. Es war ein Kindheitstraum, das Werk aufzuführen. 2020 war es dann so weit. Am Klassikfestival «Murten Classics» führte sie das Werk in B-Dur auf. Ein monumentales Werk, das oft als das schwierigste seiner Gattung bezeichnet wird. Seine vier Sätze erstrecken sich über 50 Minuten. Obwohl sie 2015 erklärt hat, ihr Leben werde damit vollendet sein, sitzt sie heute noch am Klavier. Was ist geschehen? 

Neue Wege gehen, um aus der Krise herauszufinden

Beatrice Berrut wirkt nachdenklich. Sie legt ihr Kinn in ihre Hand und überlegt. Sie schaut ins Leere. Der Blick indes ist alles andere als leer. Sie überlegt weiter. «Nach der Aufführung in Murten fiel ich in eine tiefe Sinnkrise.» Sie sei nicht glücklich von der Bühne gegangen. Traurigkeit habe sie erfüllt. «Was tue ich nun?», sei ihr durch den Kopf gegangen. 

Sie möge in ihren Reaktionen wohl etwas extrem sein. Von aussen könne das oft komisch wirken, sagt sie und lächelt verlegen. Sie sei ein intuitiver Mensch. Von ihrem Partner habe sie jedoch gelernt, erst zu überlegen und dann zu sprechen. «Das ist eine gute Eigenschaft, oder?», sagt sie und lacht – wohl auch über sich selber. Das sei nicht immer so gewesen. Manchmal habe sie es bereut. 

Die Musikerin hat dank des Dirigierens wieder Sinn in der Musik gefunden.

Aus der Krise geholfen hat ihr schliesslich eine neue musikalische Ausdrucksform: das Dirigieren. Durch die Arbeit am Dirigentenpult habe sie den Sinn im Klavierspielen wieder gefunden. Während der Pandemie widmete sie sich zudem intensiv der Komposition. Berrut sagt, sie sei dank dieser Erfahrungen heute eine vollkommenere Musikerin.

Den ungarischen Komponisten Franz Liszt bezeichnet die Pianistin scherzhaft als ihren heiligen Patron. Liszts Karriere begann als grosser Klaviervirtuose. Sein Wunsch war, als Komponist das gleiche Ansehen zu erreichen. Später widmete er sich, ebenfalls aufgrund einer Sinnkrise, dem Dirigieren. Er stelle für sie eine unendliche Inspirationsquelle dar. Sie folge ihm auf seinem Weg mit grosser Verehrung. Während der Pandemie wagte sich Berrut an Liszts «opus maximum»: die Sonate in h-Moll. Sie könne das ganze Repertoire von Schumann, Brahms oder Chopin spielen, spüre aber keinen Drang danach. Anders sieht sie Liszts Sonate: «Ich spürte schon immer, dass diese Auseinandersetzung sein muss und sie mich für immer verändern wird.» Berrut schrieb einen Text über «diese Begegnung», wie sie den Arbeitsprozess an der Sonate nennt. Sie erklärt in dem Text, dass sie sich durch die Sonate in h-Moll neu definiert. 

Wie sieht die Definition aus? Berrut überlegt lange. Sie beobachtet, was um sie geschieht. Es sei unmöglich, das in Worten zu definieren. «Ich definiere mich dadurch, dass ich mich eben nicht definiere.» Das gebe ihr mehr Freiheit. Sie sehe sich in stetiger Änderung und Bewegung. «Wie wir alle eigentlich.» 

Whisky als Leidenschaft und Mozart als Therapeut

Der Blick der Pianistin schweift stets in ihrer Umwelt umher. Sie beobachtet ihre Umgebung genau. Es wirkt, als sei sie stets auf der Suche nach Inspiration. Während sie spricht, rennt ein Junge schreiend vorbei. Berruts Blick schweift hinüber. Sie grinst und redet weiter, ohne den Faden zu verlieren. 

Auf ihrem vorletzten Album hat Beatrice Berrut das Spätwerk von Franz Liszt aufgenommen. Diese Musik habe ihr in ihrer persönlichen Entwicklung sehr geholfen. Es sei jedoch nicht einfach gewesen, in ihrem Alter die Musik eines alten und reifen Komponisten zu interpretieren. Zu Beginn habe sie sich gesagt: «Mein Gott, was mache ich bloss mit dieser Musik?» Doch dann habe sie begonnen, mönchsartig daran zu arbeiten. Ein hermetischer Arbeitsprozess. Nach langen Probetagen habe sie sich zurückgezogen und in Stille für sich alleine an den Werken gearbeitet. Wie ein Mönch eben. Sie habe gelernt, den meditativen Aspekt dieser Musik auszuspielen. Auf Berruts Niveau gilt es in der Musik stets, die Pausen genauso intensiv wie den Klang zu spielen. Wenn nicht gar noch mehr. Liszts Spätwerk fordert dies noch mehr. So habe Berrut damit gelernt, die Stille und die Pausen der Musik noch mehr zu geniessen und auszuspielen. 

Die musikalische Arbeit an Liszts Spätwerk scheint auf die Persönlichkeit der Pianistin übergegangen zu sein. Bevor Beatrice Berrut spricht, überlegt sie. Aber auch diese Pausen wirken nicht leer. Sie füllt sie beim Sprechen mit Spannung und Neugierde auf das, was als Nächstes kommt. 

Die Musik ist jedoch nicht alles, was Berruts Persönlichkeit ausmacht. So vielfältig ihre musikalische Tätigkeit auch ist, Beatrice Berrut als Person ist ebenso vielfältig. Sie liebe Whisky, sagt die Pianistin. 2018 hat sie in Schottland die Ausbildung zur Whisky-Verkosterin absolviert. Erfolgreich. 

«Das bereichert auch meine Persönlichkeit», sagt Berrut schmunzelnd. Der Komponist, der einer Flasche Whisky am nächsten stand, sei wohl Liszt. Er soll gegen Ende seines Lebens eine Flasche Cognac am Tag getrunken haben. «Vielleicht wurde er deshalb so alt», sagt Berrut und lacht. 

Liszt sei wohl einer ihrer treuesten Freunde. Der treibende Motor für Beatrice Berrut sei seit einiger Zeit aber Mozart. Sie bezeichnet ihre Beziehung zum grossen Wiener Komponisten als sehr speziell. «Mozart ist mein Therapeut», er sei ein Wundermittel gegen ihre Sorgen und Launen. Seine Musik habe sie durch viele schwere Zeiten geführt. 

Je mehr Zeit vergehe, desto mehr Platz nehme sein Werk in ihrem pianistischen Schaffen ein. Auf seinem Niveau fühle sich nie. Das sei wohl eine Pianisten-Krankheit. Mozarts Musik gilt aufgrund der wenigen Noten als unglaublich durchsichtig. Kann man bei einem grossen romantischen Klavierwerk kleine Fehler noch unter den unzähligen anderen Noten wegspielen, verunmöglicht Mozart dies. Zudem sind Musiker emotional stark gefordert, sich mit «wenig» vorhandenem Notenmaterial auszudrücken. Angst hat Berrut vor Mozart deshalb dennoch nicht. Denn Mozart löse in ihr einen kurzen Moment von Befriedigung aus. Es sei ihr grosser Wunsch, seine gesamten Klavierkonzerte einzuspielen. Aber das sei Arbeit – es gibt 27 Stück.

«Die Schweiz kümmert sich nicht um ihre Künstler»

Beatrice Berrut hat bereits einige der Klavierkonzerte Mozarts aufgeführt. Rund um den Globus. Konzerte in der Schweiz und im Wallis erlebt Beatrice Berrut als schwer. Sie liebe die Schweiz. Und sagt trotzdem: «Die Schweiz kümmert sich nicht um ihre Künstler.» Es sei für die Schweizer Bevölkerung schwer zu glauben, dass ein Künstler aus der Schweiz ein guter Künstler sei. Dafür müsse man schon vom anderen Ende der Welt kommen. 

Ob sie das selber merkt? «Mais c’est clair!» Sie verdreht entsetzt die Augen. Sie spiele mit grossen Orchestern in Deutschland und Belgien. Aber mit grossen Schweizer Orchestern tritt sie nicht auf. Konzerte von Berrut in der Schweiz sind rar. Doch sie sei nicht die Einzige, die das erlebt. Schweizer Künstler würden nun mal einfach nicht in der Schweiz spielen.

Francesco Walter ist Intendant von «Musikdorf Ernen». Er hat Beatrice Berrut in dem Jahr zum ersten Mal nach Ernen eingeladen, als sie den Förderpreis des Kantons Wallis erhalten hat. Das war 2014. Er sei von Beginn an von ihrem Spiel begeistert gewesen. «Noch beeindruckender ist die Entwicklung, die sie durchgemacht hat», sagt Walter.

Die Pandemie hat Berruts Karriere nicht geschadet. Sie reist immer noch in ganz Europa für Konzerte umher. Konzerte mit Orchester seien wieder ausverkauft, so Berrut. Dem klassischen Rezital, bei welchem der Pianist einzig Solowerke aufführt, habe die Pandemie geschadet. «Es hat gelitten.» 

Die Lage sei bereits vor der Corona-Pandemie kompliziert gewesen. Nun sei die klassische Musik und insbesondere das Rezital an einem Punkt, an dem man sich neu erfinden müsse. Es entspreche nicht mehr dem Publikum des 21. Jahrhunderts. 

Berrut enerviert sich, während sie beschreibt, wie sie das Rezital heute wahrnehme. «Wir sehen einen schwarz gekleideten Typ, der das Gesicht verzieht, sich ans Klavier setzt, eineinhalb Stunden spielt und dann von der Bühne abmarschiert und dabei immer noch das Gesicht verzieht. Das ist doch nicht möglich!» Sie imitiert das Gesicht und die geduckte Körperhaltung des besagten Pianisten. 

Die Unterwalliser Pianistin lässt es nicht bei der Kritik bleiben. Sie will dieser Entwicklung entgegenwirken. An ihrem eigenen Festival «Les Ondes» in Monthey will sie dem Publikum mehr bieten. Es findet in der offenen Natur statt. Denn Konzertsäle können einschüchternd auf das Publikum wirken, so Berrut. 

Zudem würden die Konzerte weniger lange dauern. Die Musiker müssen ihr Programm persönlich präsentieren. Berrut ist entsetzt über den fehlenden Kontakt zwischen Publikum und Künstler in der Klassik. In der Rockmusik laufe das viel besser. Da sei ein Konzert gelungen, wenn die Musiker es schaffen, das Publikum abzuholen. «Man geht an Konzerte, um einem Menschen zuhören», sagt Berrut, «und nicht einem Roboter.»

Pianistin mit Weitblick; Mit ihrer eigenen Konzertreihe will Berrut die klassische Musik einem breiteren Publikum schmackhaft machen.

Dass Berrut im Umgang mit der klassischen Musik im 21. Jahrhundert angekommen ist, bestätigt Francesco Walter. Mit ihren Transkriptionen habe sie eine Nische gefunden. Damit wecke sie die Aufmerksamkeit des Publikums und spiele nicht nur das gängige Repertoire. Das sei aber gleichzeitig ein Risiko. «Das Publikum kauft Aufnahmen mit Werken von Liszt und Schubert.» Nicht aber mit Bearbeitungen des jungen Schönbergs. 

Berrut weise, entgegen einiger ihrer Berufskollegen, eine grosse Flexibilität auf. Der Gründer des Festivals «Musikdorf Ernen», György Söbek, hat an seinem letzten Konzert das neunte Klavierkonzert von Mozart aufgeführt. Aus diesem Grund wollte Walter das Klavierkonzert zum 50. Jubiläum des Festivals ins Programm nehmen. Dazu habe er die Pianistin aus Monthey angefragt. Sie hatte das Werk zu dem Zeitpunkt nicht im Repertoire. Walter sagt, sie habe sich dennoch sofort bereit erklärt, das Stück einzustudieren. «Das ist nicht selbstverständlich.»

Es mag diese Bodenständigkeit sein, die Beatrice Berrut in sich trägt, die sie immer wieder zurück ins Wallis treibt. Sie sieht ihre Heimat als unkompliziert, als Ort, wo sie die Leute kennt. «Du gehst abends alleine raus und zum Schluss sitzt du mit zehn anderen am Tisch und trinkst ein Glas.» Bei Beatrice Berrut dürfte es wohl ein Glas Whisky sein. 

Dieser Artikel ist zum ersten Mal im Walliser Boten vom 23. Juni 2023 erschienen.