Kann das Bistum Sitten so noch vorwärtsgehen, Bischof Lovey? – «Aber sicher»


Wir müssen reden Exellenz: Nach turbulenten Tagen äussert sich Bischof Jean-Marie Lovey zu den internen Spannungen im Bistum und zum Audit zum Umgang mit sexuellem Missbrauch in seiner Diözese.

Bischof Jean-Marie Lovey ist überzeugt, dass das Bistum trotz der inneren Spannungen vorwärtsgehen kann. Auch wenn es in seinen Augen Änderungen braucht. Bild: pomona.media/Alain Amherd

Bischof Jean-Marie Lovey, verfolgen Sie die Fussball-Europameisterschaft?

Nur ganz wenig, mir fehlt die Zeit dazu. Früher war ich ein leidenschaftlicher Fussballer. Ich freue mich aber, dass es solche Sportwettbewerbe gibt und sie so viel Platz einnehmen. Es ist schlussendlich besser, wenn wir uns auf dem Fussballplatz bekämpfen anstatt mit Kalaschnikows und sonstigen Waffen.

Die EM begeistert und interessiert Millionen von Menschen. Wünschen Sie das manchmal auch der katholischen Kirche?

Allen voran wünsche ich mir, dass sich die Menschen für Christus und das Evangelium interessieren. Denn sobald wir über die Kirche sprechen, haben wir oft unterschiedliche Auffassungen.

Was ist Ihre?

Ich liebe meine Kirche. Sie ist ein Ort der Begegnung, den Christus für die Menschen wollte. Ein Ort des guten Willens. Die Realität ist oft bedeutend sachlicher. Und begrenzter.

Die katholische Kirche wurde gemäss der biblischen Lehre von Petrus gegründet. Einem einfachen Fischer. Ist die Kirche heute noch immer für die einfachen Menschen da?

Papst Franziskus ist der Nachfolger von Petrus und ich bin sehr froh, dass wir jemanden wie ihn in dieser Funktion haben. Während etwas mehr als zehn Jahren setzte er seine Akzente auf die Schwachen der Gesellschaft. In seinem ersten Besuch ausserhalb des Vatikans besuchte er Flüchtlinge in Lampedusa. Er schenkte ihnen allen eine Telefonkarte, sodass sie ihre Familien kontaktieren konnten. Diese Geste wird universell verstanden und ist jede Predigt wert!

Sie sprechen vom Papst in Lampedusa. Wie sieht es im Kanton Wallis aus?

Ich denke, die Walliser Kirche sucht diese Nähe zu den Menschen. Doch das beinhaltet auch die Menschen, die hier leben, aber nicht von hier stammen. Diese Personen haben nicht unbedingt ein Interesse an der katholischen Kirche. Wir müssen aber allen nahestehen, nicht nur in kirchlichen Kreisen. Denn alles, was den Menschen die Möglichkeit gibt sich zu vereinen, ist wertvoll.

Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit dem Glauben oder der Kirche?

Man fragte mich früher oft, warum ich Priester werden wollte. Seit ich mich erinnern kann, war es mein Wunsch Priester zu sein, von Kindesalter an. Weshalb, weiss ich nicht. Vielleicht waren die Priester meiner Kirchgemeinde Menschen, die ich bewundert habe.

Gibt es im Bistum Sitten heute noch Priester, die sich Kinder zum Vorbild nehmen können?

Ich glaube, dass Kinder Erwachsene automatisch bewundern. Was sich daraus entwickelt, weiss ich nicht; gibt es Kinder, die danach Priester sein wollen? Es gibt sicherlich den einen oder anderen Priester, der ein Vorbild ist. Aber ob dies Kinder motiviert, Priester zu werden …

Aus Ihrem Umfeld vernimmt man, Sie seien eine tiefst spirituelle, gläubige und religiöse Person. Sie verbrachten viele Jahre auf dem Hospiz des Grossen Sankt Bernhards. Nun sind Sie seit zehn Jahren Bischof von Sitten – in einer äusserst schwierigen Phase. Haben Sie sich bereits gefragt: «Warum genau ich in dieser Zeit?»

(lacht) Ich habe mir die Frage bereits vor zehn Jahren gestellt, als man mich gefragt hat, ob ich Bischof sein wolle…

Haben Sie die Funktion als Bischof gesucht?

Mein Gott, nein, absolut nicht. Ehrlich gesagt denke ich über jeden, der heute noch Bischof werden will, er müsse verrückt sein. Als man mich damals gefragt hat, habe ich zu mir gesagt: «Das ist nicht möglich.» Es gibt keine Wunder, aber der Papst ist irgendwo ja auch die Stimme Gottes. Wenn Gott dich etwas fragt, weshalb antwortest du Ja? Oder weshalb Nein? Es braucht für beide Antworten Gründe. Ich bin damals zum Schluss gekommen, wenn ich der lokalen Kirche etwas geben kann, dann will ich es tun. Aber selbstverständlich habe ich mir nicht vorgestellt, dass wir uns hier und jetzt mit den bekannten Problemen befassen werden. Ich habe mich sicherlich gefragt, weshalb dies genau während meiner Amtsperiode geschieht.

Haben Sie sich jemals überlegt, zu demissionieren?

Nein. Es war eine schwere Zeit, das ist klar. Ich sehnte mich nach einem Moment, der etwas weiter weg von dieser Situation ist. Aber all das war für mich – bis jetzt – kein Grund, an eine Demission zu denken.

Was macht das mit einem Menschen, der so tief an Gott glaubt, die Schandtaten und Verbrechen in der Vergangenheit der Kirche zu sehen?

Es tut weh, sehr weh. Aber gleichzeitig ist das unsere Menschlichkeit. Zu denken, dass Sie und ich über dem stehen, ist falsch – wir alle haben Schwächen. Dass Personen, die man kannte, die man mochte, solche Verbrechen begangen haben, das verletzt. Gleichzeitig hinterfrage ich aber auch mich: warum er und nicht ich? Weshalb ist Person X heute im Gefängnis und ich bin frei?

Bischof Lovey, kann man sexuellen Missbrauch damit rechtfertigen, dass wir alle Fehler machen und das menschlich ist? Denn im Audit zum Umgang mit sexuellem Missbrauch in Ihrer Diözese bemängeln die Opfer genau diese Aussage.

Nein, man kann diese Taten nicht rechtfertigen. Auf keinen Fall. Und das wollte ich auch nicht. Es geht darum, zu versuchen zu verstehen. Einem Opfer von sexuellem Missbrauch so etwas zu sagen, das geht nicht. Ich verstehe die Aussagen der Opfer und kann sie nachvollziehen. Bei der Aussage geht es darum zu verstehen, weshalb man die Vorwürfe früher unter den Teppich gewischt hat. Aber diese Verbrechen zu verstecken, ist nicht normal. Es ist falsch. Das Gleiche gilt für die Missbräuche. Nichts kann diese rechtfertigen. Nichts.

Der jüngst denunzierte Fall, der im Audit erwähnt ist, datiert auf das Jahr 2024. Hat die katholische Kirche aus ihrer Geschichte nichts gelernt?

Der Fall wurde im Jahr 2024 denunziert, von einer Person aus dem Umfeld eines Opfers, eines Zeugen. Wann der Missbrauch stattfand, hält das Audit nicht genau fest. Nichtsdestotrotz will ich mit Ihnen ehrlich sein: Leider, leider, leider, gab es auch in diesem Jahr Missbräuche, von denen wir noch nichts wissen. Das ist sicher. Ich denke nicht, dass wir dieses Drama jemals ganz umgehen können.

Das sehen viele andere Personen, darunter Kleriker, auch so. Und fordern nun eine Lösung. Um das Kind beim Namen zu nennen: Viele Personen fordern das Ende des Zölibats.

Es ist offensichtlich, dass man über das Zölibat und seine Bedeutung nachdenken muss. Wir haben vielleicht etwas zu leichtsinnig gedacht, dass es alle Probleme löst. Aber ich glaube nicht, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen Missbrauch und dem Zölibat gibt. Ledig zu sein macht eine Person nicht anfälliger, übergriffig zu werden. Denn mehr als 90 Prozent des sexuellen Missbrauchs geschieht im familiären Umfeld. Also durch Personen, die eine Beziehung führen und ihre Sexualität leben. Die Abschaffung des Zölibats ist kein Allheilmittel. Es wäre eine Geringschätzung gegenüber der Ehe, zu glauben, dass sie nur dazu dient, die sexuellen Triebe auszuleben.

Könnten Sie als Bischof von Sitten hinter der Abschaffung des Zölibats stehen?

Ja. Ich glaube sogar, dass wir uns in eine ähnliche Richtung wie die östliche Kirche bewegen. Da können sich Priester vor ihrer Weihe entscheiden, ob sie ledig bleiben wollen oder sich verheiraten möchten.

Was war Ihre erste Reaktion auf die Auswertung der Geschäftsprüfung durch Vicario Consulting SA?

Es bestätigte die Komplexität des Umgangs mit sexuellem Missbrauch im Rahmen der katholischen Kirche und wie man damit umgehen muss. Zudem zeigt das Audit auf, dass jede Situation individuell ist. Der Geschäftsprüfer Stéphane Haefliger hat mehrere Male vor einer Verallgemeinerung anhand einzelner Fälle gewarnt. Das erlebe ich jeden Tag, jede Situation erfordert eine andere Herangehensweise. Weiter bin ich nach dem Audit noch stärker der Überzeugung, dass wir an einem Wendepunkt stehen: Wir müssen unbedingt und bedingungslos die Kurve kriegen, wie wir mit Missbrauch jeglicher Art umgehen.

Jeder Fall ist verschieden. Doch was sich so gut wie alle erwähnten Opfer im Audit wünschen ist: Anerkennung für ihr Leid und ernst genommen zu werden. Eigentlich die menschliche und christliche Reaktion.

Ich habe mir dazu viele Fragen gestellt. Damit will ich nichts rechtfertigen, aber ich bin zum Schluss gekommen, dass unsere Vorgänger nicht wussten, wie mit solchen Situationen umzugehen. Oft sagte man damals zu den Opfern: Sie müssen sich gedulden, die Zeit regelt das. Heute sehen wir, dass das Gegenteil der Fall ist. Ich vermute, dass die zuständigen Personen schlicht und einfach die Mittel zum korrekten Umgang nicht hatten. Ich wage nicht zu behaupten, dass wir heute alles wissen. Aber dennoch denke ich, dass wir verstanden haben, dass einige Umgangsformen falsch waren.

Nichtsdestotrotz kritisiert das Audit den aktuellen Generalvikar Richard Lehner. Die Opfer haben ihn unter anderem als empathielos bezeichnet. Haben Sie aus der Vergangenheit wirklich gelernt, Bischof Lovey?

Man sollte auch hier nicht verallgemeinern. Es ist nicht richtig, eine Person auf der Grundlage von ein oder zwei Zeugenaussagen zu verurteilen. Ja, ein Opfer hat die Aussage gemacht. Nun wurde daraus das Hauptthema. Aber die Aussage sagt nicht die ganze Wahrheit über die Person des Generalvikars aus. Es gibt auch Opfer, die äusserten, wie herzlich sie Herr Lehner empfangen hat. Nicht jeder hat die Stärke und die Sensibilität, jemanden zu empfangen und ihm zuzuhören. Deshalb haben wir jetzt auch eine Ausbildung in diesen Fragen aufgebaut.

Ihre Vorgänger waren überfordert und nicht alle Personen sind geeignet, Opfer zu empfangen – hätten Sie nicht viel früher eine unabhängige Kommission bestehend aus Fachpersonen einsetzen sollen?

Die Kommission existiert mittlerweile und funktioniert. Schweizweit stellen wir uns die Frage, ob es nicht besser wäre eine einzige, nationale Kommission zu schaffen. Damit wäre diese noch unabhängiger. Ich verstehe, dass Personen aus dem kirchlichen Umfeld in solchen Kommissionen nicht Platz nehmen. Denn eine solche Kommission versucht, die Wahrheit und nicht die Institution zu verteidigen. Die entsprechenden Resultate müssen wir akzeptieren. Wenn diese nicht dem entsprechen, was wir dachten oder uns wünschen, dann müssen wir uns anpassen. Denn die Wahrheit ist befreiend.

Generalvikar Lehner forderte in einem Schreiben an den Bischofsrat bereits vor längerer Zeit eine unabhängige Kommission. Im gleichen Schreiben wies er darauf hin, dass die Kommission nicht nur im Sinne des Bischofsrates und Ihnen entscheiden könne. Muss eine solche Kommission in Ihrem Sinne handeln, Herr Lovey?

Was Richard Lehner sagte, war nicht, dass die Kommission nicht mehr das Bistum verteidigt. Aber sie kann Entscheidungen treffen, die wir so nicht treffen würden. Und das bestätigt sich: Seit der Generalvikar nicht mehr Teil der Kommission ist, gibt es Dinge, die wir nicht wissen. Dazu zählen auch die Personen, die sich wegen Missbrauchs an die Kommission wenden. Und wen sie beschuldigen. Solange die Bistumsleitung das nicht weiss, kann sie nichts unternehmen. Erst nachdem die Kommission ihre Arbeit erledigt hat und der Bericht auf meinem Schreibtisch liegt, kann ich eingreifen.

Richard Lehner sagte nach der Publikation des Audits und der Kritik an ihm, es könne durchaus der Eindruck entstehen, dass eine schuldige Person hätte gefunden werden müssen. Domherr Paul Martone bestätigte diesen Eindruck. Behandelt das Audit Richard Lehner ungerecht?

Das ist Richard Lehners Interpretation, das weiss ich. Wir sprechen oft darüber. Aber ich bin überzeugt, dass das nicht die Absicht war. Beim Durchlesen des Berichts hält man aber sicherlich die Schwächen von Richard Lehner in dieser Funktion fest. Es wäre ungerecht, die Person nur darauf zu reduzieren. Zudem zeigt das Audit nur einen kleinen Teil der Fälle auf. Geschäftsprüfer Stéphane Haefliger hat 15 Dossiers analysiert und 28 Personen angehört. Darunter auch Opfer und Personen aus dem Umfeld. Es waren also nur wenige Personen. Während des Audits konnten sich betroffene Personen auf eine eigens eingerichtete Telefonnummer melden. Und da melden sich in erster Linie Personen, die schlechte Erfahrungen gemacht haben.

Richard Lehner sagte gegenüber dem «Walliser Boten» er habe Ihnen mehrmals seine Demission angeboten. Weshalb haben Sie diese nicht angenommen?

Weil es mein Recht ist, Ja oder Nein zu sagen. Ich war überzeugt, dass Richard Lehners Demission falsch gewesen wäre. In allen Gremien und Bereichen rund um den Missbrauch nimmt er nicht mehr Platz. Als Generalvikar hat er aber noch viele andere Tätigkeiten.

Nach der Veröffentlichung wurde von verschiedenen Seiten die Forderung nach personellen Konsequenzen laut. Sie haben keine ergriffen.

Ich bin nicht allwissend, muss aber Entscheidungen treffen. Und das tue ich nach bestem Wissen und Gewissen. Ich kann und will nicht alle Absprachen und Gespräche mit jeglich involvierten Personen publik machen. Das ist zu respektieren. Nun sind eine Analyse gemacht, Absprachen und Diskussionen geführt worden und heute stehen wir mit der entsprechenden Entscheidung da.

In der Woche der Publikation des Audits kamen in den Medien fast täglich neue Spannungen innerhalb der Bistumsleitung an die Öffentlichkeit. Wie erleben Sie diese?

Die Spannungen, die Sie ansprechen, die gibt es. Wie auch immer diese aussehen. Spannungen sind nicht a priori schlecht. Sie können sich positiv auf das eigene Bewusstsein seines Umfelds auswirken und dadurch Änderungen ermöglichen. Den Schwerpunkt auf die Spannungen zu legen, verzerrt den Sinn des Audits, der uns auf die Fürsorge für die Opfer aufmerksam machen will. Es gibt überall immer wieder Spannungen. Dadurch kann jeder auch einen Schritt nach vorne machen. Aber das sind interne und persönliche Angelegenheiten. Und da müssen sie auch besprochen werden: in der Bistumsleitung. Was in der Woche der Veröffentlichung des Audits in den Medien breitgeschlagen und ausgetragen wurde, hat mir nicht gefallen.

Domherr Paul Martone schoss scharf in Richtung Generalvikar Pierre-Yves Maillard. Unter anderem drehe sich bei ihm alles um Macht, so Martone. Kann ein Bistum unter solch grossen Spannungen überhaupt vorwärtsgehen?

Aber sicher.

Paul Martone sagte ebenfalls, dass der Eindruck entstanden sei, in Sitten gebe es zwei Bistümer. In anderen Worten: Die Sprachgrenze zieht sich nicht nur in die Politik, sondern bis in den Klerus durch.

Nein, das ist nicht richtig und die Aussage war übertrieben. Paul Martones Eindruck ist und bleibt sein persönlicher. Aber ich habe mit ihm darüber gesprochen. Es ist kein Geheimnis, dass der Kanton Wallis zweisprachig ist – ich bin der Erste, der merkt, wie schwierig das sein kann. Wir wissen zudem auch, dass es zwei verschiedene Kulturen gibt in unserem Kanton. Und das spürt man auch im kirchlichen Umfeld. Aber das ist kein Handicap – sondern eine Chance. Die zwei Mentalitäten sollten nicht gegeneinander angehen, sondern sich gegenseitig ergänzen.

Sie haben viele Jahre auf dem Grossen Sankt Bernhard gelebt. Bald werden die Bernhardiner ihr Sommerlager auf der Passhöhe beziehen. Fehlen Ihnen die Hunde hier in Sitten manchmal?

(lacht) Nein! Hunde als solche mochte ich ehrlich gesagt nie besonders. Ich habe mich nie um die Hunde auf dem Pass gekümmert. Sie sind eine unglaubliche touristische Ikone. Und früher waren sie unglaublich nützlich, wenn es darum ging, die Passanten bei der Passüberquerung zu unterstützen. Aber die frische, kühle Luft auf der Passhöhe fehlt mir im Sommer durchaus. Und auch das spirituelle Klima mochte ich sehr. Das Hospiz, in dem wir Leute von überall empfangen haben, gefiel mir ebenfalls. Sie kamen und gingen. Egal wo sie herkamen, gläubig oder nicht – es waren Menschen. Brüder und Schwestern, die wir empfingen. Das fehlt mir.

Dieser Text ist zum ersten Mal im Walliser Boten vom 22. Juni 2024 erschienen.